Ein großartiger Tag draußen


eine kurze Reisegeschichte von

Jürgen Anders




So many displaced among the

future dreamers

Realised their doubles

Took a new step

A question of origin


Only in the recent past

Seeking for to realise

Skyward shone

Like beacons

A question of origin


Ten thousand millions free

To the westward light

The dreamers represent

This arc of peace


As the poets entranced

The anchor redeemed

Secrets of science

The history of the future

Was surely made


Just what keeps us so alive

Just what makes us realise

Our home

Is our world, our life

Home is our world


Homeworld (The Ladder) - Yes, The Ladder, 1999





Es hatte ziemlich unverfänglich angefangen, wie so viele Dinge es tun, nur um sich dann in unerwarteten Wendungen zu ergehen. Am Anfang war das Wort, das in diesem Fall aus Professor Rickmers' Mund kam, wie sehr viele andere auch. Keineswegs eine erwähnenswerte Tatsache an sich. Am Ende einer der ersten Flugmechanikvorlesungen des Frühjahrssemesters, die in etwa so trocken wir ihr Name und sein wohldosierter Sarkasmus waren, kündigte er die üblichen Semestertermine an. Eigentlich kann jeder die Aushänge selber lesen, das wird eigentlich sogar immer implizit durch die Wahl der Bekanntmachungstermine vorausgesetzt, aber es war noch ein Relikt in den Pflichten der Lehrenden, Veranstaltungen auch mündlich anzukündigen. Umdrucke kann man schließlich auch selber lesen, und trotzdem sind Vorlesungen die wichtigsten, oder je nach Standpunkt, wenigstens häufigsten Veranstaltungen an einer Hochschule. Nach den Ankündigungen der Übungs-, Seminar-, Prüfungs- und Hausaufgabenabgaben-Termine folgte noch die einer lockeren Reihe von Gastvorträgen und weiteren Veranstaltungen, die schließlich in eben jenem unverfänglichen Anfang endete.

»Wie in jedem Frühjahrssemester werden in der Pfingstwoche Exkursionen angeboten, weswegen sie Ihnen auch als Exkursionswoche bekannt ist. Da dies eigentlich nur die anderen Fachbereiche betrifft, wohl eher wegen des Freizeitwertes; denn da ist ja Vorlesungsfreie Zeit ... für Sie.« Er betonte das, damit keiner auf die Idee käme, er hätte da eventuell vielleicht nichts zu tun. »Nur betrifft das dieses Jahr auch .. uns.« Er ließ der Klarstellung, daß es diesmal auch für andere außer ihm eine sinnvollere Betätigung als Urlaub geben würde, worunter er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Klausurvorbereitung verstand, eine unauffällige Kunstpause folgen, um auch die letzten aus dem seichten Dahindämmern zwischen Gleichung 1.21.8-17a und 1.21.8-17b zu locken, mehr oder eher weniger erfolgreich.

»Die zweijährlichen Exkursionen nach Berlin und Paris finden dieses Jahr nicht statt; das waren ja ohnehin immer Wochenenden außerhalb der Exkursionswoche. Letztere Exkursion war ja voriges Jahr, einige von Ihnen waren mit und werden das bereits .. wissen, .. erstere ist dieses mal wegen des Umbaus der Messehallen am Stadtflughafen... also diesmal mit der ISAX, der International Space and Air eXhibition zusammengelegt, die ja bekanntermaßen jährlich an einem anderen Ort stattfindet. Dies..mal ist es der Morris Kessler Airport, der wie sie sich sicher alle noch erinnern können, hinreichend genau .. gegenüber liegt.« Er machte mit wissendem Grinsen eine Handbewegung, mit der er seine Fingerspitze um eine imaginäre Kugel springen ließ. »Mehr muß ich ja dazu wohl nicht sagen. Sie kennen das ja, die unvermeidbaren Details stehen auf der Liste, tragen Sie sich ein, jetzt gleich... oder liegt dann eine Woche im Sekretariat aus. Wenn es genug Interessenten gibt wird der Termin per Aushang bekanntgegeben... hier auch, natürlich, ...und dann haben Sie zehn Tage Zeit, den Reisebeitrag bei der Hochschulkasse zu entrichten und sich hier mit dem Einzahlbeleg fest zu melden... ja.« Er verschwieg, daß zwischen diesen knappen Fristen die Mühlen der Hochschulverwaltung jeweils monatelang knirschten.

»Es kostet diesmal etwas mehr; ich weiß daß Sie als durchschnittliche Studenten .. nach Angaben des AStA .. dafür erstmal etwas mehr als 'ne Woche arbeiten müssen, wir versuchen natürlich wie immer die Eintrittskarten und noch'n paar Euros bei der Industrie zu schnorren, acht hat ESPACE schon zugesagt... acht Karten natürlich, Euros haben die gerade nicht so viele, aber dafür werden Sie ja fast alle mal bei denen beschäftigt sein, ... aber sie müssen trotzdem eben erstmal den vollen Betrag hinterlegen. Das sind halt die Regeln von Sankt Bürokraz, aber dafür sind es auch zehn Tage statt zweieinhalb. Wenn wir schonmal eine reguläre Exkursion anbieten, haben wir uns gedacht, optimeren wir das mal kurz und machen es lang. Nutzen wir die ganze Zeit aus, und die Reise lohnt sich, denke ich. Und wenn ich die Einheimischen richtig kenne, lohnt sie sich sogar .. sehr! Bis nächste Woche... geben Sie gerade die Liste durch und bringes Sie sie dann ins Sekretariat.. Danke.« Er packte geübt rasch seine Siebensachen mit einem ungewöhnlich entspannten Lächeln zusammen, duckte seinen dunklen Mecki-Schnitt unterm Türrahmen durch, wohl eine Reflexbewegung, wenn man die einsneunzig deutlich überschritten hat, und verschwand in Richtung Sekretariat und Kaffeemaschine. Wohl weil ich auf die anderen gut zwei Dutzend zögerlichen Kugelschreiberoderauchnichtbeweger warten und daher ohnehin als letzter gehen mußte, habe ich im Halbtran gewohnheitsmäßig 'Gutbrod - Hans - 335162' in die letzte Zeile geschrieben. Diese Angewohnheit sitzt spätestens ab dem Datum des nicht gerade preiswerten, aber dennoch allgemein üblichen weil unvermeidlichen Überschreitens der Regelstudienzeit so sicher im Stammhirn verankert, daß man des öfteren auf das ungewöhnliche Geburtsdatum oder den seltenen Vornamen Gutbrod angesprochen wird. Die Regelstudienzeit ist ja bekanntlich die Semesterzahl, in der man das Studium theoretisch frühestens mit dem Diplom abschließen könnte und ab der deshalb eine Strafgebühr erhoben wird. Neuerdings gilt sie im Rahmen der regelmäßigen Straffung der Abläufe der Hochschulverwaltung aber auch gleichzeitig als Maßzahl und Planungsgrundlage für die Zeit, in der die meisten Studenten durchschnittlich das Vordiplom erreichen, also etwa ein knappes Drittel des Studiums hinter sich haben sollten. So gut war ich aber nicht.


Gut drei Monate nachdem mir die Liste und ihr Transport ins Sekretariat aufgedrängt wurden, hechtet ein sehr knappes Dutzend Studierende dem forschen Schritt des unübersehbaren Mecki hinterher und durch die endlosen Gänge des fast brandneuen Kessler Airport. Die sind angenehm klimatisiert, was man in dem Moment zu schätzen lernt, in dem man diese Umgebung verläßt. Das geschieht für uns eigentlich erst eine gute Viertelstunde nachdem wir seinen Zaun gequert haben, und gut einhundert Kilometer entfernt. Der Prof hatte den kleinen Umweg wohl absichtlich eingebaut, anstatt den direkten Weg zur Stadt, der nur gut fünfundneunzig Kilometer weit war, zu wählen. So bekamen wir den ersten Eindruck von den Dimensionen des Landes, obwohl ich sicher bin, daß einige Kommilitonen nichteinmal bemerkt hatten, daß wir uns der Stadt garnicht direkt genähert hatten, ja ihr bisher kaum näher gekommen waren als am Flughafen, nachdem wir dessen neun Glasbau-Terminals der Länge nach zu Fuß und auf Rollbändern durchquert hatten. Navigationsverfahren II (für höhere Semester) zu hören und auf den Sonnenstand zu gucken sind eben zwei sehr verschiedene Angelegenheiten. Und wenn einer gekonnt den Eindruck erwecken konnte, daß er weiß, wo es lang geht, dann ist es Professor Rickmers. Wahrscheinlich war der Eindruck auch zutreffend.

Sweetwater Junction war mitten im Nirgendwo, für unsere Begriffe, wohl nicht für die eines Landes mit kaum einem Fünfzigstel der gewohnten Bevölkerungsdichte. Der kleine Ort lag an einem Knotenpunkt der langen Magnetbahn-Fernstrecken, oder genauer, ihre Vorläufer aus der Zeit der in unseren Kreisen sprichwörtlichen Dampfmaschin' waren wohl, angesichts der Distanzen unmerklich, wasserwärts in seine Nähe gebogen worden. Und er lag in einer strauchsteppenartigen Buschlandschaft, die seinen Namen scheinbar tagtäglich Lügen strafen wollte. Immerhin, in der Zeit, in der wir auf den Anschlußzug warten mußten, planmäßig drei Minuten, und der nach über dreitausend Kilometern Fahrt auch mit nur weiteren drei Minuten Verspätung einlief, zogen ein Schwarm lärmender heller Vögel, ein Reiter, drei lustlose braune Kühe und ein vom nahen Flugfeld gestartetes Sportflugzeug an uns vorbei. Es war neben der Eisenbahn und wenigen Staubpisten das Hauptverkehrsmittel hier, vor allem für Privatleute. In diesen sechs Minuten im halboffenen, überdachten Bahnhof, kaum einen Kilometer außerhalb des Ortes, hat uns, die wir aus dem feucht-schwülen Frühsommer Westdeutschlands mit den Turbulenzen des unvermeidlichen Pfingstgewitters verabschiedet wurden, die knisternd trockene Hitze des Buschfelds zu Dörrpflaumen verarbeitet. Entsprechend erlösend war der einlaufende Zug, der hier, kurz vor der Endstation, bereits recht gut gefüllt war. Glück im Gedränge, eine Gruppe Einheimischer, allesamt in robusten graugrünen Arbeitsanzügen, mit großen Hüten, größeren Rucksäcken und noch größeren Buschmessern, machte Platz für uns, als sie den ersten Wagen verließen, ohne von den über zwanzig Grad Anstieg an Temperatur und dem korrespondierenden Fall der Luftfeuchtigkeit ins Bodenlose sonderlich beeindruckt zu sein. Der Prof empfahl die Sitze auf der rechten Seite hinter der Fahrerkabine, setzte sich selbst ganz nach hinten im Wagen und ans Fenster. Johannes, der Gruppenskeptiker mit Tendenz zu einer gewissen, nicht nur mentalen Langhaarigkeit, und ich stiegen zuletzt ein. Uns blieben nur die beiden Plätze vorne links neben der Fahrerkabine. Wir setzten uns hinter die geneigte Frontscheibe und nickten dem Fahrer etwas schüchtern freundlich zu. Er erwiderte den Gruß gelassen mit einem breiten Grinsen, das in seinem tiefschwarzen Gesicht noch imposanter kam, machte sich an seine Checkliste und fuhr ab, kaum daß wir uns angeschnallt hatten. Jeder der sichtlich benutzten, aber wie der ganze Zug gepflegten und - fällt sofort auf - graffittifreien Sitze hatte einen automatischen Gurt, wahlweise als Becken- oder Dreipunkt- schließbar. Links als erster am Seitenfenster gelandet, da Johannes immer etwas Verzögerungsleitung im Rückenmark hat, wähle ich Dreipunkt, und drehe mich gerade noch rechtzeitig wieder hoch, um den ganzen Beschleunigungsvorgang mitzuerleben. Ab dreihundert Sachen geht das Auge von ganz allein auf Unendlich entlang der schnurgeraden weißen Schiene, und die wenigen markanten Bäume und Windmasten in der Landschaft laufen wie auf Kulissen voreinander zur Seite. Der Himmel ist graublau, absolut wolkenlos und zum Horizont hin ganz leicht diesig, wie man es bei uns nur in ganz trockenen Hochdruckwetterlagen kennt. Die Sonne leicht links hinter uns leuchtet das Land mit seinem roten Boden, vereinzeltenen tellerartigen dunklen Baumgruppen und den fahlgrünen Strauchbäumen kontrastreich aus, wie es an uns vorbeischwebt, topfeben, gleichförmig, jede Sekunde hundertvierzig Meter. Das zeigte das Instrument vor dem gelassenen Fahrer eben noch an; er bremste schon wieder unmerklich ab. An Johannes vorbeizuschielen ist nicht immer leicht, genauso wie ihn zu übersehen oder seine Kommentare zu überhören. Da er obendrein Hannes oder sogar Hans gerufen wird, ergaben sich um Verwechslungen zu vermeiden und sehr zu meinem Ärger die Spitznamen Hans im Glück, weil ich mehrere, naja, wohl die meisten Prüfungen nur gerade so mit vier bestanden habe, 'vier gewinnt', heißt es immer, und behaupte ich mal, besser zutreffend Hans Moser für den Zynikator. Wenn er gerade nicht nüchtern .. und .. nicht in beredter Stimmung war, konnte man aber mit ihm prima ein Bier oder fünf trinken gehen. Danach durfte seine Stimmung auch gerne wieder redseliger werden, und von mir aus durfte er sich dann sogar in öffentlichen Räumen eine anstecken, die ich zu seiner Verwunderung immer dankend abzulehnen pflege.


Kurz nach dem einzigen verbleibenden Halt auf der Strecke von um die hundert Kilometern, gerade als die Reisegeschwindigkeit wieder erreicht war, irritierte mich ein schmales, rot-weiß quergestreiftes Band, das vor mir senkrecht am bis auf die leichte Trübe makellosen Himmel zu hängen schien, gut eine Handbreit über dem Horizont, und von da fast eine weitere nach oben. Unwillkürlich sah ich mich um, ob irgendeine Stufenmarkierung oder soetwas sich in der Scheibe spiegelte. Hinter mir war nichts, was die Sonne plötzlich hätte beleuchten können, da sich die Fahrtrichtung nicht geändert hatte, und alle Markierungsstreifen an Zugangsklappen im dunkelgrau melierten Teppichboden des Ganges und neben den helleren Sitzen mit ihren anthrazitfarbenen, strukturierten Kunststofflehnen waren schwarz-gelb, und obendrein diagonal gestreift. Die Erkenntnis kroch gerade in dem Moment um den Entschluß, die verbleibende Strecke noch ein zweites.. drittes mal zu überschlagen, als Johannes, den nichts außer einem diffizilen analytischen Strömungsproblem oder einer gut gebauten Tüte zu einer positiv interessierten Bemerkung motivieren konnte, bereits ungerührt sein Fazit verlauten ließ. »Mit dem Stapel Baugenehmigungen, den's dafür in einem anständigen Land bräuchte, könnten wir das .. Ding da locker schlagen. So ein Blödsinn.«

Dreißig Kilometer waren wir seit dem Umsteigen gefahren, höchstens. In den folgenden Minuten, die uns jede um acht Kilometer näher heran brachten, schälte sich langsam heraus, was die signalfarbene Nadel in der Luft scheinbar stillstehen ließ. Sicher, ich hatte schon von Freedom Point gehört, Bilder der Baustelle vor Jahren in den Nachrichten gesehen, aber begriffen habe ich es erst hier. Man muß es wohl auf dem richtigen Weg er..fahren. Was dort am Himmel stand, hatten Menschen dort hingestellt. Es näherte sich, fast als ob man sich einer einzelnen Sturmwolke von Ferne nähert, oder ein Gewitter im Heranziehen beobachtet. Langsam und unaufhaltsam, mehr noch im Kontrast zum raschen Dahinschießen der nahen Landschaft. Für eine Weile fühlte ich mich plötzlich entrückt, so als würde jemand anders den Platz hinter meinen Augen einnehmen. Dann endlich fiel es mir ein. »Johannes, ich verstehe gerade zum ersten mal, was mir als kleiner Junge mein Urgroßvater von seinem erzählt hat. Wie der sich gefühlt haben muß, als... fast in unserem Alter, als er nach der Pariser Weltausstellung gefahren ist. Wenn er das nur sehen könnte.« Ich fühlte, daß er es gerade sah. Und soetwas zu fühlen ist nicht gerade meine Art, zugeben würde ich es nie.

Johannes machte seinem Ruf alle Ehre. »Jaja, bloß vonwegen fühlen. Quatsch. Verschwendung von Steuergeldern und Beton. Ich verstehe nicht, warum wir nicht gleich draußen geblieben sind, da ist doch schließlich die Messe morgen. Was interessiert mich die Stadt.« Er sagte nichtmal Airshow dazu. Das Flugvorführungsprogramm hatte er sich garnicht erst genommen, nur den Hallenplan. Dort hatte er sich fein säuberlich mit Textmarker die Firmen und Institutionen mit theoretischen aerodynamischen Abteilungen markiert. Nicht, daß er sich schon um eine Arbeit oder gar ein Vorstellungsgespräch bewerben wollte, er wollte vielmehr lange vorher sichergehen, daß sie seine ernsthafte Einstellung zu seinen Themen teilten. Zu viel Text oder gar Bilder zwischen den Gleichungen machten ihn leicht etwas unwirsch.


Die Fahrerkabine verdeckte auf den letzten zwanzig Kilometern das meiste zur rechten, aber links und voraus war noch die majestätische Weite der Landschaft zu sehen, und zu erahnen, wie sie sich nach einem kleinen Anstieg aus der unendlich scheinenden Ebene in die seichten Wellen der spärlich, aber immerhin gleichmäßig bewaldeten Küstenberge zum Meer hin wie eine sanfte Stufe in das einige zehn Kilometer breite, tiefer gelegene Schwemmland absenkte. Johannes sah mürrisch in die Gegend, und schien sich sichtlich zu fragen, was er in ihr sollte. Die Landschaft übersah er dabei wohl. Meine gelöste, fast ergriffene Stimmung aber blieb und saugte jeden Eindruck auf, bis wir uns schließlich auf das Plateau schoben, immer noch recht schnell, nur die Dimensionen ließen es langsam erscheinen. Als der Zug am Bahnhof Freedom Point - NW zum halten kam, wich sie langsam der Realität. Und selbst die war erhebend genug, in der weiten Ebene des Platzes voraus und zur linken Seite, die wie die Essenz der Landschaft zuvor wirkte. Rechts, im langsamen Einlaufen in die Station waren mir mehrere Wartende aufgefallen, von denen eine sich besonders sichtbar hinstellte und die Scheiben des Wagens musterte. Kurz bevor sie hinter der Fahrerkabine verschwand, hellte sich ihr suchender Blick auf, sie deutete rasch auf die Fenster und sprach ein, zwei Worte zu einem Kollegen, der sich dann eilig zugabwärts bewegte. Eine halbe Wagenlänge weiter hielt die Nase des Zuges mit unserer Sitzreihe. Ich schnallte mich ab und wollte gerade aufstehen, als sich der Prof zwischen unsere Sitze und die sich öffnende Tür direkt hinter der Fahrerkabine stellte.

»Meine Damen und Herren, wir beginnen hier unsere Exkursion offiziell mit einer Führung durch .. das, was sie vor sich sehen. Ich denke, das ist ein angemessener Beginn, bevor wir uns morgen je nach Gusto in das Getümmel der Airshow verteilen. Und gerade eben sehe ich, daß wir eine ganz besondere Führung bekommen, was ich ihnen bisher noch nicht ganz versprechen konnte. Also, viel Vergnügen.« Er deutete auf den Ausgang und ging als erster von Bord, da er schonmal stand. Ich war sicher, daß er was auch immer gekonnt manipuliert hatte, aber sich nur zu neunundneunzig komma neun Prozent sicher war, daß es klappt.


Die letzten werden die ersten sein, es sei denn, sie sitzen hinter Johannes. Also war ich der letzte, der über den kaum zentimeterbreiten und ebenerdigen Spalt auf den Bahnsteig trat. Entlang der Strecke zurückblickend konnte man sehen, daß der Zug auf dem gesamten riesigen Platz kaum mehr Raum an den Seiten hatte, so genau war die Spur, und so gerade die Strecke, die sich in der hellgrauen Steinebene in der Ferne verlor. Wir gingen etwas voran, bis an die Ecke des Bahnhofsgebäudes, das wie eine keilförmige Rampe zu den Schienen hin aus der Ebene hervortrat, während ich meine Sachen sortierte. Das Vordach konnte offenbar an schlanken, freitragenden Schienen bis über die Züge ausgezogen werden, bei Regen oder wenn die Sonne zu heiß schien. Hier war es garnicht mehr so heiß wie auf dem Land. Das Vordach war ganz offen, nur seine Schienen warfen alle paar Meter einen schmalen Schatten. Auch die Seiten des Bahnhofs waren als etwas steilere Schräge zum Boden hin geschlossen. Nur die Schienenseite war offen und im wesentlichen ein Eingang zu breiten Rolltreppen, unterbrochen von Kiosken und Imbißlokalen. Nun hatte ich meine Tickets und Papiere endlich taschendiebfest verstaut, als die Gruppe vor mir plötzlich stoppte. Jeder blickte auf, hart gebremst aus dem lockeren Trab auf dem gleichmäßigen Boden, nur fing sich der Blick nicht an den Köpfen vor der Nase, sondern lief unvermittelt weiter an einem großen grauen Zylinder mit nadelfeinen schwarzen, horizontalen Streifchen weiter nach oben, um dort, schon in beträchtlich hohem Winkel, an den strukturierten Boden eines zweiten, noch größeren zu stoßen, dessen dunklere bräunlich kupfern getönte Fassade von einem diagonalen, dunklen Streifen umlaufen wurde. Darüber setzte sich eine immer dünner werdende Nadel bis in Genicksteifenhöhe fort, am oberen Ende rot-weiß gestreift. Während der Blick nach oben lief, liefen auch alle sich widersprechenden Entfernungserfahrungen und Größenschätzungen auf den Anschlag, 'kann nicht sein', oder gleich völlig aus dem Ruder. Ich hatte nur noch den Eindruck, daß die zuständigen Zeiger in meinem Hirn deutlich hörbar ans Ende ihrer Skalen klackten. Der strukturlose Platz und die klare Luft suggerierten eine fast greifbare Entfernung, während die zu Ameisen schrumpfenden Menschen in der Weite des Areals vor und um den Turm und die nach oben deutlich steigende Diesigkeit im Geiste zu nur acht Buchstaben kondensierten.

Weit. Hoch.


»So, jetzt hast Du auch mal ihre Kinnladen von unten gesehen, Peter. Es dauert im Schnitt dreiundreißig Sekunden... und ein bißchen länger, bis sie wieder hochklappen, und dann noch ein bißchen mehr, bis sie anfangen mit dumme Sprüche zu klopfen.« Sprach eine helle, aber feste weibliche Stimme mit einem Hauch von einem englischen Akzent. Daß meine Kinnlade immer noch unten war, merkte ich erst, als mir kam, daß Peter der Vorname des Prof ist, und er inzwischen amüsiert vor uns neben einer bald zwei Köpfe kleineren Frau stand. Sie machte einen sehr gelassenen, professionellen Eindruck in ihrem klassischen schwarzen Nadelstreif, dessen körperbetont aber bequem geschnittene Jacke einen tiefen Blick auf ihre hoch geschlossene weiße Bluse freigab, deren langer Kragen unter dem Revers zu zwei schmalen Keilen auslief, die weich nach innen gebogen waren. Nur der oberste von drei silbrigweißen Kragenknöpfen war geöffnet. Pure ästhetische Geometrie, die von wenigen dunklen Knöpfen gehalten und auf den zweiten Blick anstelle der gewohnten Zierknöpfe mit kleinen münzgroßen Lederbeschlägen besetzt war, in natürlichem Dunkelbraun, mit feinen schwarzen Nähten und meist mit einem gebeiztem Metallniet im Zentrum. Das ganze Ensemble machte samt Inhalt auch auf weitere Blicke einen sehr gediegenen Eindruck, understatement und Stil mit einem leicht flamboyanten Hauch. Ihr glattes, mausblondes Haar war bis auf ein paar Strähnen, die über der Stirn im Wind spielten, im Nacken zusammengefaßt, und dieses zwar glatte, aber ziemlich widerspenstige Büschel, das in einer U-Wendung nach oben aus der bronzenen Klammer wieder nach vorne floß, ruhte sich zwischen ihren energetischen Bewegungen mal auf der einen, mal auf der anderen Schulter aus, die irgendwie etwas gerader als üblich wirkten. Sie stand lässig da, etwas mehr auf das linke Bein gelehnt, und wartete ab, bis auch Johannes' Reaktionszeit abgelaufen war.

Der ließ sich allerdings nur, während die meisten einfach sprachlos waren, zu einem unbewegten »Oh.. ja.« hinreißen, als sein Blick wieder nach unten schlich, mehr in Richtung Professor.

Sie kommentierte das mit einem forschen Ansatz, und einem Blick auf die Uhr nach dem in unsere Richtung. »Fertig? .. Ja. Gut, das war ein neuer Rekord, sogar für Europäer, fast eine Minute. Wo wir gerade bei Rekorden sind, falls es noch niemand gesagt hat: Willkommen auf dem kleinsten Kontinent, oder der größten Insel. .. So genau weiß das keiner, aber wir sind hier in beiden Fällen eigentlich immer unter den ersten drei Plätzen.« Sie rieb ihre Hände mit einem Lächeln voller Selbstvertrauen, ein ganz klein wenig Anspannung und einer hochgezogenen Augenbraue, so als wollte sie gleich loslegen, um mit auf's Treppchen zu steigen, drehte sich aber dann zum Prof. »Peter, wieviel hast Du ihnen denn schon erzählt?«

»Noch nix, Nina. Das is deine Tour.«

»Fein. Dann erzähl' ich mal einfach alles, wo ich schon dabei bin.« Ihre grauen Augen funkelten, als sich der Professor mit erwartungsvollem Lächeln in die letzte Reihe der kleinen Gruppe verzog, die inzwischen in einem weiten Drittelkreis um Nina stand. Große Leute stellen sich automatisch hinten an. Nach einem letzten kraftschöpfenden Händereiben und Lockern der Schultern öffnete sie die Arme und legte los... mit allem.

»Also, mein Name ist Janine da Silva, ... kurz: Nina. Ich bin fünfundzwanzig, studiere seit ... gerade eben zwei Semestern Geschichte hier in der Stadt, wo ich auch herkomme... geboren bin. Und ich mache hier Führungen am Freedom Monument, um mir den Spaß zu verdienen. Das Studium. ... Fünfundzwanzig ist bei euch vielleicht... euch ist o.k.?« fragt sie mit Blick zum Prof, der nickt, und sie fährt fort, »Bei Europäern muß man immer mal ein klein bißchen .. vorsichtig sein, weil wir sind hier nicht so kompliziert, wir machen das einfach. ... Also, fünfundzwanzig, das ist vielleicht bei euch etwas alt für erste Semester, aber wir hatten hier auch etwas Krieg zwischendurch. Und weil ich vorhin mit meinem Kollegen John die Wagons getauscht habe, und mit meiner Freundin Carrie vormittags mit nachmittags, mache ich jetzt meine letzte Führung des Tages, also haben wir ganz viel Zeit so wie wir wollen, auch wenn ich sie nicht bezahlt bekomme. ... Das ist natürlich alles .. ganz .. zufällig, ...« sie ließ diesen theatralisch intonierten Satz ein Momentchen unvollendet stehen, während sie sich in der Runde umsah, »und weil es nicht die standard tour ist, müßt ihr mir mal nachsehen, wenn ich ein Wort nicht gleich weiß. Das hat mir Peter dann vor acht Jahren nämlich nicht beigebracht. Da war ich nämlich überhaupt nicht sweet seventeen, mehr so ...frustrated fourteen, glaub' ich. ...« Sie schmunzelt etwas in Gedanken und sortiert eine Haarsträhne wieder ein, »Und nach dem Krieg ein Jahr bei ihm und seiner Famile in Deutschland, zum ausruhen und so. Viel couch, ziemlich viel Fernsehen, seeehr viieel geredet und ... ganz viel Party... hehe...« Die grauen Augen verklärten sich mit ein paar Erinnerungen, um gleich drauf schnippisch drein zu blicken, »...und ziemlich wenig Schule. Hm, ja. ... Und das war, weil mich Peter schon kannte, als ich so...« Sie hielt ihre Hand waagrecht am ausgestreckten Arm runter, und hob sie dann wieder zwei, drei Zentimeter an, »naja, sooo groß war. Da war er nämlich bei uns, meinen Eltern, mit AFS ein Jahr auf exchange programme und hat hier sein grad.. seinen Schulabschluß gemacht, und meistens mit meinen großen Brüdern gespielt. Das mußte er dann nochmal machen, weil das bei euch nix gilt... den Abschluß.«

»Galt. Seit drei Jahren geht es, wenigstens an unserer Uni.« meldete sich der Peter aus der letzten Bank. Interessante Einblicke, ich hätte ihm weder die lockere Art noch die Weltgewandtheit zugetraut, und schon garnicht die Überwindung der Uni-kratie in puncto Zulassungskriterien.

»Ooooh, ... dannnn...« stemmte sie die Hände in die weiten Anzugtaschen, während sie etwas auf und ab wippte, »dann kann ich ja nochmal kommen, wenn ich spezialisiere. Gibt es da media-Geschichte von dem zwanzigsten Jahrhundert?« fragte sie mit einem gewinnenden Grinsen.

»Nee, glaub' ich nicht.« kam aus mehren Kehlen zurück, nicht nur der des Profs.

Sie zuckte mit den Schultern, ohne ihr breites Grinsen zu bremsen, »Dann laß' ich mir was einfallen. Das wär' ja nicht das erste mal, daß ich den Krieg gewinne. ... Also, naja, Marion und er und Peter junior, Manfred, Irene, Marc und Tanja haben mich damals ganz toll aufgenommen, auch wenn ich nicht immer gleich auch .. so toll drauf war, weil sie halt wußten, wie wir hier so sind, und ... naja, daß manchmal im Fernseher was anderes erzählt wird als was ist. Und das war prima. Danke nochmal, falls ich das nicht oft genug sagen kann. ... Wo war ich stehen geblieben? Achja, vor diesem unauffälligen Bauwerk hier.« Sie deutete ohne sich zu drehen nach hinten auf das unübersehbare Monument. »Wie seid ihr gekommen, über Sweetwater? Ja? Gut. Von da sieht man es eigentlich am besten, vor allem, wenn das Wetter so gut ist. Jetzt ist eigentlich nämlich Regenzeit. Also, ich sehe, daß sich immer noch die Augen bei so einigen von euch noch ein bißchen verdrehen. ... Genau, ihr seid's doch alles Techniker; hat's sich schon einer ausgerechnet...?«

Keine Reaktionen, natürlich, ich traue mich nicht recht, meine Trigonometrieübungen von der Anfahrt öffentlich zuzugeben. Der nerd-Faktor, der dafür sorgt, daß man auf der nächsten Party mit normalen Studenten erst garnicht reingelassen wird, oder gleich in die Ecke zu den Informatikern und Elek-Tick, Trick und Track abgeschoben wird, ist ein wirksameres Damoklesschwert als jede Geheimhaltungsverpflichtung mit Todesdrohung. Vielleicht liegt es auch daran das der Prof drei Leute neben mir steht. Und eine Prüfung muß ich ja noch... bei ihm. Und noch ein paar andere.

Sie macht weiter, sehr zufrieden. »Ich bin nur gut im Kopfrechnen, ihr seid sicher alle gut in Mathe, also schätz' mal. Von hier bis zum Eingang da unten am Fundament.« Sie deutet über ihre Schulter mit der Rechten, während sie die Linke in die Hüfte stemmt, erwartungsvoll, daß nichts kommt. Der leichte Wind läßt eine ungebundene Strähne über ihre Stirn toben.

Ein paar schüchterne Schätzungen kommen doch, zwischen siebenhundertfünfzig - eine typische Ingenieurszahl - Metern und zwei Kilometern. Ich lege mich mit einer Meile, sechzehnhundert Metern, angepaßt schüchtern ins Mittelfeld. Irgendwas denkt in mir, irgendwie zu hoch gegriffen.

»Danke für die mile... nimm's mal knapp zwei... Wer war's? .. Egal.« Huch, Schreck, Deckung! Ich bin beinah bemerkt worden... nerd alert!

Sie springt mühelos in ihre Routine. »Es sind ziemlich genau drei Kilometer, von hier, am Bahnhof, zum Mittelpunkt des Fundaments. An der Basis hat der Turm über dreihundert Meter Durchmesser und der Boden des großen Zylinders liegt schon in fünfhundertdreißig Metern Höhe, und geht bis über tausendsechzig hoch. Fünfhundertdreißig Meter ist auch der Durchmesser des großen Teils. Der Stamm von unten geht gerade durch, bis neunzig Meter über das Dach des Zylinders, das kann man von hier schon nicht mehr sehen, und wird von dort ab konisch, bis sie an der Spitze nur noch gut sechzig Meter hat. Und die ist über sechstausendsiebenhundert Meter hoch. Ist also viel höher als alle Berge hier, und wird wohl auch .. ein bißchen länger das höchste Gebäude hier oder sonstwo bleiben. Die ganze Anlage wurde kurz nach dem Krieg begonnen, ...als ich gerade in Deutschland faul auf dem Sofa gelegen war, ... und vor fast zwei Jahren fertiggestellt. Alles hier bedeutet was, auch wenn es nicht gleich so aussieht. Die Höhe ergibt sich so, daß der Schatten der Sonne jeden Tag einmal über die ganze Stadt streicht. Das soll zeigen, daß jeder einmal ein bißchen Dunkelheit hat für das viele Licht, das sonst den ganzen Tag scheint, also jeder muß mal ein bißchen für alle geben... Freiheit lebt vom mitmachen. Für jeden läutet die Glocke mal... auch wenn es hier keine gibt. Ist also auch die größte Sonnenuhr. Nachher kommen wir an einen Laden, da gibt es einen Stadtplan, der zeigt, wann der Schatten wo ist. Das ist ein bißchen verschieden, über das Jahr ändert sich die Sonnenzeit nämlich... Ihr wißt das sicher...« Fragender Blick in die Runde, der sich schnell in einen zufriedenen verwandelt, ob der fehlenden Reaktion. »Die Höhe ist so, daß der Schatten auch mittags im Sommer über die ganze Stadt reicht. Die Stadt hilft ein bißchen, weil die ist von hier aus mehr breit, von Osten nach Westen als lang nach Süden. Und wenn die Sonne hier genau von Norden scheint, dann reicht das im Dezember gerade bis da drüben, zum Waldpark, der da so ein bißchen in die Stadt reingeht. Deshalb steht der hier, genau nördlich vom Park, und ist der große Zylinder auch so weit unten, damit im Winter da nicht für eine Stunde oder so das Licht ausgeht, in den Wohnvierteln hier vorne am Berg, das sehen wir nachher besser. Und das gibt sechstausendsechshundertund..siebzig..sechzig Meter, oder so. Ähm, das geht jetzt nicht in metrisch, aber in Füßen gibt das so knapp unter zweiundzwanzigtausend. Und da haben die Architekten gesagt, naja, die zweihundert Füße haben wir auch noch übrig, und dann gibt das zweiundzwanzigtausend .. und dreiundfünfzig. Das geht auf Englisch auch two twenty fiftythree... so ein bißchen wie eine telephone-Nummer.« sie zeigt victory mit rechts, zwei Finger, bei der ersten Zahl, dann zu einer Tafel im Boden, vor der sie die ganze Zeit gestanden hatte, und tritt dabei einen Schritt zurück. »Hört sich fast gleich an wie ..to.. twenty-fiftythree, zu Ehren des Jahres zweitausenddreiundfünfzig... Da war der Krieg vorbei. So ist das alles ein bißchen da drin. ... Das mit den miles und feet ist übrigens ganz einfach. Ein foot ist Schuhgröße zweiundfünfzig, bei euch. Hat mir mal ein Schuhmacher aus Magdeburg erzählt. Und wenn er die ein paar Jahre lang macht, dann hat er fünftausendzweihundertachzig und die sind eine Meile.« Sie streckt ihre ganzen fünfeinhalb, denke ich, Füße und ihren Arm bis in die Fingerspitze, »Und da ganz oben schauen wir uns nachher dann mal zur besten Zeit um. Da kann man nämlich hoch. So, wenn ihr jetzt noch Fragen habt, oder sonst irgendwann, dann fragt immer gleich. Auf dem Weg kann ich euch dann noch mehr erzählen, dann gehen wir mal los, wenn jetzt keine...«

Ich hatte es befürchtet, Johannes muß sich für seinen Zeitrekord revanchieren und meldet sich. Ohne geht nicht.

»Ja?« ruft sie ihn erwartungsvoll auf, »Hier gibt's die erste Frage.«

»Nix für ungut.. aber wieso lauft ihr hier alle .. bewaffnet .. rum, mit den ganzen Brotmessern?« Sein wohlüberdosiertes, überlegenes Unverständnis ist Oscar-würdig. Ich muß wieder zugeben, langsamer als er geschaltet zu haben. In seiner nüchterner-trockener-Zynismus-Schiene ist die Verzögerung wohl doch überbrückt. Oder ich war optisch noch ganz vom architektonischen Eindruck ausgebucht. Oder vom anderen. Das, was ich als dicken Regenschirmknauf aus Messing in ihrem auch nur vermuteten Rucksack übergangen hatte, naheliegend beim heimischen Wetter, von dem immer kolportiert wird, über unserer Universitätsstadt hätte man eine große dunkle Wolke angepflockt, muß beim Blick über die Runde hinaus doch etwas anderes sein. Die Macheten der Buschfeld-Bewohner im Bahnhof von Sweetwater hatte ich noch als Landkuriosität abgehakt, immerhin ist das Wildnis, hunderte von Meilen vom nächsten freundlichen Nachbarn. Aber hier waren wir in einer der größten Städte und dem kulturellen Zentrum des Landes. Mittlerweile war es rar mit Passanten geworden, da kein Zug ein- oder ausfuhr. Aber die, die sich in einiger Distanz an uns vorbeibewegten, trugen fast alle ein Schwert auf dem Rücken, oder seltener am Gürtel... oder irgendwie an der Hosennaht. Meist waren, so weit man erkennen konnte, die Schwertscheiden aufwendig als beschlagene Lederelemente in die Anzüge oder Jacken eingearbeitet. Gehalten wurden sie wohl über die Schultern, oder einen inneren Gurt, vermutete ich. Dunkel erinnerte ich mich, vor längerer Zeit mal einen abschätzigen Kommentar mit Andeutungen zu den rauhen Landessitten des Buschfelds in einem Nachrichtenmagazin gelesen zu haben. Aber der spiegelte die Fakten wohl in den falschen Fokus, und warf selbst damals für mich offensichtlich Stadt und Land über den Haufen.

Ich wußte zwar nicht, was Johannes las, aber er trug nun ein selbstgefälliges Lächeln, das, mit dem er anderen immer mit seinen schweren Jahren als 'weder-noch-Dienstleistender' konterte, wenn die nostalgischerweise alte Kamellen aus dem Kreiskrankenhaus oder dem Infanteriebatallion feucht-fröhlich hochleben ließen.

Nina verzog gereizt amüsiert, aber durchaus nicht unfreundlich die Lippen, während sie ihn kurz musterte. »Ahum,... ach ja, ihr seid ja aus Deutschland, ... ich vergaß... no offense.«

»None taken!« lachte der Peter aus der letzten Reihe auf.

Sie lachte eher herausfordernd Johannes zu, »Brot... muß ich mal testen. ... Wassermelonen gehen gut. Da kann ich euch auf dem Weg ja was zu erzählen, wo das herkommt ... wenn ihr euch auch für Geschichte interessiert, heißt das. Ja...?!« Die freie Strähne hing fast vor ihrer spitzen Nase, als sie das Konzept für den Rest der Tour neu zu sortieren schien.

Johannes war noch nicht ruhiggestellt, bestenfalls warmgeworden. Ich befürchtete langsam, daß er endlich an die richtige geraten war mit seiner Art. »Ist das nicht ein bißchen schwer, auf die Dauer? Und ..ähm, das kann doch auch stören, im Weg... oder, wenn das scharf ist, auch gefährlich sein. ... Und erst wenn sich das wer anders schnappt. ... Oder?« Mein rotblonder Bedenkenträger, der dem Prof in Größe kaum nachstand, ihn aber umfangsweise doch sehr deutlich schlug, dachte mal wieder expertenhaft analytisch nach, und mal wieder provozierend laut.

»Öh, nein...ähm... Der Stoff ist schön leicht, nicht zu warm im Sommer, nicht zu kalt im Winter... Sitzen tut er auch richtig... weil meine Schneiderin ist sehr gut...« Sie schwang ihre Ellenbogen etwas nach hinten, erst links, wo der Knauf etwas neben und ein bißchen über ihrem Schultergelenk vorbeischimmerte in der Nachmittagssonne, dann rechts, wo man die Spitze vermuten durfte. »Falten, schlagen, schleifen, polieren... kann ich, kann ich, kann ich ... kann ich...« Sie steckte nachdenklich die Hand in die rechte Jackentasche, »also sollte es scharf genug sein, ...aber nicht zu sehr, weil das ist auch nicht so gut. ... Genau richtig ...ja...« zog eine grübelnde Schnute und blickte gedankenverloren in Richtung Prof, in der Suche nach weiteren gewichtigen Argumenten und gewissenhaften Antworten. Irgendetwas in meinem Stammhirn, das durch das survival of the fittest genetisch bedingt wohl eher keine Verzögerungsleitung hatte, wollte mir irgendetwas wichtiges mitteilen.

Ihre rechte Hand zischte im Sprung außen um ihre linke Schulter, etwas Leder, Messing und sehr viel sehr blanker Stahl rasten klingend nach vorne und blieben gut einen halben Meter neben mir wie festgenagelt in der Luft stehen. Der metallische Klang hallte, wirkte geradezu seismisch nach. Einen Zentimeter vor und über Johannes' Kehlkopf. Er stand bewegungslos da, aber er ist ja auch sonst die Beruhigungspille selbst. »Und gefährlich ist es nur am anderen Ende.« Der Satz aus ihrem Munde kam so freundlich und gelassen, mit einem aufreizenden Lächeln, als würde sie ihm einen Capuccino servieren. Der Satz aus dem Stand kam dagegen eher mit der Eleganz und Schnelle einer Raubkatze und der nachdrücklichen Entschlossenheit einer Dampfwalze. Genauso flink, nur viel lockerer, fließender, runder, zog sie das kurze Schwert zurück und schob es nach einem angedeuteten Gruß oder so etwas ähnlichem über ihre Schulter in seine Halterung, ohne dorthin zu sehen. Es rastete mit einem hörbaren, gedämpften metallischen Klick ein. Ihr Arm war dabei fast immer schützend vor dem Gesicht und dem Oberkörper. Jetzt erst bemerkte ich den zierlichen schwarzen Lederhandschuh, den sie nebenbei in der Tasche übergestreift haben mußte. Als sie ihn schon wieder ausgezogen hatte und wegsteckte. »Und wenn man lange genug übt, kriegt man es sogar immer wieder rein, hinten. Das design... die Konstruktion ist eine alte römische, weil ich das mag. Schön, ... leicht und ... schön kurz und schnell. Nicht so wie ein broadsword, das ist mehr was für Kerle...« Sie grinste plötzlich, »und vielleicht für Xena und Red Sonja...« Sie guckte in die Runde und erwartete eine Reaktion, ich war mir nicht ganz sicher warum.

Patrick, der von ziemich weit auf dem Land kam und meistens von seinem restaurierten, uralten Traktor redete, wenn er sich nicht gerade um seinen Minister in Strukturentwurf III,IV sorgen machte, fragte schließlich gewohnt eloquent, »Wer's'n das?«

Nina fixierte ihn, als ob er im Begriff wäre, ihr mit dem Traktor über die Füße zu fahren, »Xena? X-E-N-A... ? ... Peter! Was bringst Du denen bei?! Die kennen keine Klassiker!«

»Technik... sonst kann ich ja nix richtig. ... Wer schneidet entscheidet, und Du hast das ... Brotmesser hier.« kam es trocken kichernd aus der letzten Reihe.

»Na dann...« resignierte sie kurz, um gleich darauf ihren Faden wieder aufzunehmen, »Und jetzt...« sie wandte sich zum Prof, »Darf ich?... Danke.« der offenbar nickte, »Und jetzt schnapps Dir. Ja, Du. ... Versteinert?«

Oh Wunder, Johannes setzte sich in Bewegung.

Wer könnte auch anders, bei ihrem gewinnenden Lächeln. »Ich beiße nicht, ich bleib' sogar stehen und laß dich ran.« grinste sie breit. So breit, daß es einfach wie eine äußerst höfliche und zuvorkommende Drohung wirken mußte. Sie drehte sich um, so daß sie ihn nicht sehen konnte, verschränkte ihre Arme vor dem Körper und gab so allen die Gelegenheit, das Schwert und den darunter angebrachten kleinen, nur ein paar Zentimeter flachen Packrucksack zu sehen. Er verdeckte den unteren Teil der Schwertscheide, die in etwa dreißig Grad zur Waagrechten nach unten zeigte, und war wie der Rest des schildförmigen Einsatzes aus dunkelbraunem Leder mit einigen brünierten Nieten an den verstärkten Stellen und zur Zierde besetzt. Dessen leicht geschwungene Oberkante verlief etwa auf der Höhe ihrer Schulterblätter, der feine Anzugstoff darüber ließ die darunterliegenden, nicht in ihn eingearbeiteten breiten Trageriemen erahnen, die dem Sitz nach weit und bequem unter den Armen wieder zum Rückenleder liefen. Seine ebenfalls geschwungene, stumpfe Spitze endete unten etwas über Gürtelhöhe in der Naht. Ihre Schultern reckten sich kurz, als sie sich bereit machte, und die Jacke zog sich um die Taille deutlicher ein.

Johannes konnte nun nicht mehr zurück. Die eherne germanische Selbstgefälligkeit war in bröselige Hilflosigkeit und krümelige Vorahnung zerfallen. Pflichtschuldigst griff er nach dem Knauf.

Ihre Hand schnappte seine, sie pirouettierte einmal an ihm vorbei nach hinten und faltete dabei seinen Arm lässig in einen einhändigen Fesselgriff. Er stand am Ende ziemlich jämmerlich neben ihr, tief gebeugt vom Schicksal und mit seinem Kopf fest neben ihrer Hüfte verriegelt; daß er zwei Köpfe größer und etwa doppelt so schwer wie sie war, erschien in etwa so unglaublich wie das Bauwerk, das die bescheidene Kulisse für das erhabene Schauspiel stellte. Sie hielt ihn wörtlich und figurativ mit links, und wies mit der offenen rechten kurz auf seinen höhersemestrigen Glatzenansatz. »So. Und mein liebreizender Assistent möchte sich nun noch beim Publikum bedanken.« Sie führte ihn einmal einhändig an der Runde vorbei, verbeugte ihn in regelmäßigen Schritten und ließ ihn dann an seinem Platz frei. Während sie ihren Anzug lockerte und richtete, fragte sie beiläufig, »Interessiert euch jetzt ein bißchen Geschichte?«

Indifferentes, aber beeindrucktes Gemurmel erhob sich, außer vom Peter aus der letzten Reihe, der grinste einfach nur äußerst zufrieden, und von Johannes, der ächzte einfach nur äußerst demotiviert. Experimentalbeweise waren nicht seine Sache, eigentlich nicht mal Gedankenexperimente.

»Gut dann gehen wir mal los und machen 'nen kleinen Spaziergang, Richtung Plattform. Das ist so etwa zwei Kilometer, dahin.« Sie wies mit der Hand auf ein erhöhtes Plateau, das mit flachen Rampen aus der Ebene anstieg, wohl genau nördlich vom Turm, und wesentlich näher zu liegen schien.

Die Gruppe setzte sich in Bewegung, und in der offenen Weite des Platzes brauchte es keinen angestrengt hochgehaltenen bunten Schirm, um der Reiseleiterin folgen zu können. Ein blitzender Messingknauf und ein wildes Büschel Haare im Wind reichten völlig. »Wir könnten das auch alles mit dem Rohrbus machen, aber ich denke immer, die Beine, das ist der einzige .. Kilometerzähler, der immer geht hier. Dann merkt man das besser als wenn man nur hier und dann da mal kurz anhält, hochfährt und mit den Augen rauf und links und rechts sieht.«

Ich wußte, daß es auch für einige andere außer Johannes schon eine große sportliche Leistung war, mal eine Datenscheibe oder gar einen Ordner vom obersten Regalbrett zu heben. Vielleicht glaubten sie ja doch noch insgeheim an ihre Schätzungen von eben, Protest kam jedenfalls keiner.

Ihrem forschen Schritt nach machte sie die Touren wohl meistens zu Fuß. Nach ein paar Metern hatte sie sich wohl ihren Anfang zurechtgelegt und sortierte sich an der rechten Seite in die Gruppe, so daß sie gut zu hören war. »Also, wie das mit den großen Brotmessern kommt, wolltest Du doch wissen...« Johannes grinste etwas gequält. Sie mußte wohl nochmal innerlich Luft holen, und begann nach einigen Schritten mit ihrer... der Geschichte. »Ja.. also, wenn man so ein bißchen selbst mit dabei war, und das, was passiert ist, wirklich mal so richtig in echt an die eigene Haustür geklopft hat, dann hat man erstmal nicht so den Überblick. Dann kommt das, was zuerst kommt, und da reagiert man irgendwie drauf, hauptsache es passiert was, und das schnell, und man kommt heil dabei raus. Und dann kommt gleich das nächste, und so weiter. Aber als ich dann bei Peter war, und alles vorbei war, da haben wir viel drüber geredet, und da kamen auch viele documentaries im Fernsehen, das war ja ziemlich kurz danach, wenn die ersten Nachforschungen gemacht werden können. Dann versteht man erst, was und warum dies und das eigentlich war. Und dann denkt man viel nach, und das habe ich eigentlich schon da angefangen. ... Auch, wenn ihr das nicht gleich gemerkt habt, Peter, ... aber ich hab's eigentlich auch nicht gemerkt.«

Sie lachte etwas auf, was den Prof zum Schluß brachte, »Na, dümmer bist Du bei uns jedenfalls nicht geworden.«

»Nee, das hat bei mir noch niemand geschafft. Ich bin schon .. blonde. ... Also, mit Geschichte, das ist immer so. Da hat man die Tatsachen, wann und wo, und wer, und die Getreidepreise... oder den Ölpreis, oder den Preis von Milch, und das alles. Aber das ist alles immer nicht so ganz genau. Und vor allem, man hat nicht das warum, weil man viele Leute nicht mehr danach fragen kann... wenn es schon sehr lange her ist, oder sie es einem jetzt noch nicht sagen wollen, weil sie noch mit ihrem eigenen Leben ...beschäftigt sind, und es vielleicht nicht so gut für sie sein könnte. Deshalb braucht es immer eine eigene Meinung. Das ist ganz wichtig zu wissen, auch wenn man nur jemand zuhört. Da ist immer die .. eigene .. Meinung .. und .. die facts von .. allen .. dabei. Jeder spielt da sein eigenes Puzzle zusammen, auch wenn immer das selbe photo drauf ist. ... Ich denke, das alles angefangen hat mit...« Sie überlegte einen Sekundenbruchteil und fädelte sich dann neu ein »Vor mehr als hundert Jahren, da war das immer ganz einfach. Man hat Diplomaten und Politiker und zwei große Armeen, die gehen mit allem aufeinander los, und dann gibt es tausende, .. Millionen von Toten, die ganzen Länder sind kaputt, die Männer sind weg, tot oder gefangen, und die Frauen stehen allein da und ohne Hilfe, und das war dann ein Krieg, so war der immer.« Sie jonglierte die Aufzählung mit den Händen von links nach rechts, um schneller durch das 'was bisher geschah' durchzukommen. »Und das wurde nach dem Mittelalter immer schlimmer, mit besseren Waffen, und Massenproduktion. Pfeil und Bogen... longbow? ... Langbogen? ...und dann Gewehre und Kanonen, und immer mehr dann in der industrial revolution, so im amerikanischen civil war, da waren sie dann so weit, daß sie jedem sein Springfield rifle geben konnten, das war nach fünfhundert Jahren so das erste praktisch perfekte Gewehr, und das es immer genug davon gibt, und die Soldaten dachten aber immer noch, daß man tapfer ist, wenn man eben gerade und aufrecht in den Hagel aus Blei reinmarschiert. Oder das hat jeder für die anderen behauptet. Seit da sind im Krieg jeden Tag, oder bei jedem Kampf tausende .. gefallen. Heute sagt man, klar, das konnte nicht so weitergehen, aber damals war das nicht so klar.« Sie guckte sich ein bißchen um in der Runde, und dann auf dem Platz und änderte dann ihre Richtung unmerklich, etwas mehr nach links. »Als erste gemerkt haben die das in Afrika und Asien, als das mit den Kolonien aufhörte, weil die hatten da einfach garkeine Armee und industry, die hatten nur jungle und Bambusstäbchen und so, und da haben sie eben mit dem gearbeitet, was sie hatten, so lange bis ihnen jemand mit Kalashnikovs oder M-sixteens bei der Entwicklung Hilfe gegeben hat. Ab dann war es eben so wie immer, diplomats, Armeen, yaddayadda. ... Das erste mal, wo es ganz anders war, war die Falklands, das war neunzehn..zweiundachzig. Ab da war jeder Krieg ... a fluke... also, das ist so was wie eine Ausnahme, die nicht in die Theorie paßt, die vorher da war, und die man gerne behalten möchte, weil das so bequem so ist. Das hat bis zur Jahrtausendwende aber keiner richtig kapiert. Eigentlich hätten sie da schon ihre ganzen .. tanks .. Panzer? .. und atomischen Waffen und so fast alle einpacken können. Ab da war dieses massenhafte egal...«

Johannes unterbrach sie, »Falklands? Ging es da nicht um so ein paar Schafzüchterinseln? Da haben die sich doch tierisch dran hochgezogen, die Inseleuropäer...«

Nina warf ihm einen dezent kommentierenden Blick zu, »Ah, durch den Hals geht's schon wieder gut, huh? ... Inseleuropäer... auch nicht schlecht, ...hmmm, immerhin, hier stammen 'ne ganze Menge Leute von daher. Na, die hatten ja nicht nur die Schafzüchter-Inseln damals... Hier gibt es übrigens .. auch .. sechzehn mal mehr .. Schafe .. als Leute.« stellte sie sehr deutlich fest, »... Und nicht ganz so viele Kühe, und Ziegen auch, und vielzuviele bunnies und ... Hirsch? ... und noch die ganzen einheimischen Haustiere, wenn die bunnies sich nicht dazu verschwören, ihr Essen zu klauen.« Sie blickte nochmal zu seinem Nacken hoch und deutete dabei auf ihren, »Okay? Nicht ...steif, oder? ... Wie heißt Du?«

Indigniert nicken konnte er noch, aber bevor er 'Hannes' sagen konnte, witterte Monique, die als kleinste ganz links ging, ihre Chance sich mit ihr zu solidarisieren, »Hans Moser... oder auch Johannes.« schnippte sie quer durch die Gruppe.

Ninas zielstrebige graue Augen blitzen auf. »Wie der Schauspieler!?«

»Schauspieler? ... Nee, weil er immer mosert. Oder ... öfters, gell Hannes?« kam die spitze Erklärung zurück.

Johannes hatte nicht mehr viel zu sagen, außer »Hannes paßt scho'.«

Ich muß bei Schauspielern eine Bildungslücke haben, aber ich war eigentlich in letzter Zeit nie im Kino.

Nina jedenfalls lachte hell auf, »Aaach soo, jetzt verstehe ich. ... Also, da waren nicht nur die Schafzüchterinseln, da waren auch die stock exchange- und microchips und ein-paar-Millionen-Leute-Inseln, und die waren nicht ein paar hundert .. nautical miles vor irgendeiner Küste, sondern nur so daß man rüberspucken konnte vom Land, und davon gehörte auch ein bißchen dazu. Hong Kong, das ist einer von den vielen Häfen in China. Also, da hätten sie nur über den Zaun springen müssen um reinzugehen, nicht über den halben Ozean. Und viele, die da gewohnt haben, waren aus China selbst abgehauen. Ich denke mal, die hatten alle ihre Gründe dafür. Geht ja keiner zu Hause einfach so weg. ... Die haben sogar gesagt, daß sie da am nächsten Nachmittag einfach reingehen könnten, da es der Rest der Welt sowieso nach zwei Wochen nicht mehr wüßte. Naja, nach den Falklands haben sie dann wenigstens verhandelt, und das hat dann ein paar Jahre mehr Freiheit für ein paar Millionen Leute gegeben... immerhin. Da sieht das mit den Schafen schon ganz anders aus. Auch wenn es nicht wirklich lange so gehalten hat, wie vorher. Die Presse mußte natürlich ziemlich bald ... kleinlaut werden, und die Stadtversammlung wurde auch nicht mehr so richtig gewählt, aber das big business hat eigentlich garnichts gemerkt vom...« Ich meinte irgendwas brummen zu hören. Sie zog einen Communicator aus der linken Seite des kleinen ledernen Packrucksack, der in seinem nüchternen Design aus gebürstetem Titan nicht gerade harmonierte mit seinem Aufbewahrungsort. Sie klappte ihn auf, sah kurz auf die zweiseitige Anzeige, drückte die Taste und steckte ihn wieder weg. Das flache Gerät, etwas größer als eine Hand, aber kaum einen halben Zentimeter dick, verschwand in einem passenden Schlitz, der offen blieb. »Jedenfalls war klar, daß man sich nicht einfach den Globus nehmen kann und sich was aussuchen darauf und sagen 'haben will'. Kleiner Krieg, wenig Tote, weil das ist nicht nett, und große Wirkung. Das hat die großen Länder damals erstmal so verwirrt... die Amerikaner sind sogar mal aus ... Somalia weg, obwohl da totales Chaos und Mord und Totschlag waren... viele kleine Kriegsfürsten eben, weil die da die Besatzung von einem Hubschrauber lynched haben. Und in Haiti haben gleich danach welche die gewählte Regierung abgeschafft und einfach eine Bande hooligans an den Hafen geschickt, und die haben dann einen ... aircraft carrier verscheucht. Einfach so. Mit den Fäusten gewunken. Die sind damit erst garnicht zurechtgekommen, wie das aufeinmal alles ganz anders lief. Irgendwann kurz nach der Jahrtausendwende haben sie es natürlich gemerkt. ... Oh, guckt mal da!« Sie drehte sich um und zeigte nach oben. Alle blieben stehen, nur ich hätte sie beinah über den Haufen gerannt. Oben war nichts zu entdecken. »Danke. Reicht schon. ... Jetzt habt ihr alle ein souvenir photo, wenn ihr wißt wo ihr seid.« Fragende Blicke gingen durch die Runde. Sie stellte sich mit verschränkten Armen vor die Gruppe, »Hey wenn ihr das nix rafft, ihr habt die Kamera doch gekauft.«

Peter aus der letzten Reihe meldete sich zur Abwechslung wieder zu Wort, »Na, dann werd' ich's auch nicht verraten, wenn mir schon keiner zuhört.«

Sie kratzte sich am Ohrläppchen und rümpfte die Nase, »Sie werden's schon merken. Dafür müssen sie sich nichtmal anstellen wie die anderen. ... So gut kann man's haben. ... A propos gut haben...«

Ich kam auch bei angestrengtem Nachdenken nicht drauf. Sei's drum.

Sie sah sich besonders deutlich um, »Wo wir gerade stehen, ... was habt ihr .. noch .. nicht gemerkt? ... Hm? ... Dann,... ich helf mal ein bißchen nach.« Sie griff wieder nach hinten, diesmal weiter nach unten, zog eine elegante, rahmenlose Sonnenbrille mit relativ großen, leicht achteckig angeschnittenen, von unten nach oben fließend dunkler grau getönten Gläsern hervor, und setzte sie mit betont exakten Bewegungen auf, wobei sie die eine wilde Strähne nebenbei über den linken der hauchdünnen, verchromten geraden Träger hob. »So. ... Hm? ... Bisher vermißt? ... Nicht? ... Gut. Dann seht mal auf den Boden. Hier.«

Ich sah dort nur eine der unzähligen, fast strukturlos hellgrauen, großen Steinplatten, bis ich von der Bewegung im Augenwinkel abgelenkt wurde, mit der sie einen Schritt zurücktrat, während sie etwas unter dem rechten Rockschoß ihrer Jacke hervorholte.

Zuerst dachte ich an einen Schlagstock, nach der Sache mit dem Schwert war das nun naheliegend, aber diesmal handelte es sich um den Schirm, einen kurzen, kompakten schwarzen Faltregenschirm, den sie mit geübter Hand von seiner Schutzhülle befreite und nach unten hielt. »Dahin. Genau da.«

Alle Augen wanderten auf den Punkt, auf den sie zu deuten schien, als sie den Auslöser drückte. Mit einem lauten Stoffgeräusch entfaltete der Schirm schlagartig sich und vor allem seine grell weiß reflektierend beschichtete Innenseite. Der Lichtschlag in den Augen ließ jeden unwillkürlich zusammenzucken und blinzeln; obendrein stand die Fläche fast senkrecht zur Sonne.

Sie schob und wickelte den Schirm mit drei flinken Handgriffen wieder zusammen und steckte ihn in die Hülle. »Ich bin fies.« Sie setzte die Sonnenbrille ab, nachdem der Schirm in seinem Gürtelhalfter verschwunden war, und packte sie weg, wobei sie aufrichtig bemüht war, das Grinsen wenigstens auf den Mundwinkel zu beschränken, auf dem es zuerst ausgebrochen war. Es schien um so heller im Grau ihrer Augen. »Ich weiß. ... Und jetzt sind wieder die Techniker dran. ... Ich geb' nochmal einen Tip.«

Monique blinzelte immernoch und wich etwas zurück, sichtlich bereit, die Hand vor die Augen zu nehmen.

Nina lachte, »Keine Angst, ich hab' die Brille schon eingesteckt. Jetzt kommt was anders. Also...« sie zeigte auf die Sonne, »Hm?« wartete kurz auf eine Reaktion, die nicht kam, breitete ihre Arme aus und ließ den Wind betont durch die Hände gleiten, während sie sich in ihm etwas hin und her drehte, »Hmm??« Immer noch nichts. Sie wippte mit ihren Schuhen vor und zurück, dann seitwärts, und hob sie schließlich abwechselnd an, so als hopste sie etwas auf der Stelle.

Mir fiel nur auf, daß sie trotz des schlanken Designs und des sehr eleganten, glatten und gepflegten, aber nicht glänzenden Leders relativ robust profilierte und flache Sohlen hatten. Aber das war es wohl nicht.

»Au weia! Wie lange macht ihr das schon? ... Also gut, noch eine Chance.«

Monique kratzte sich ertappt am Kopf, während Nina an den Rand einer Platte ging und anfing, einen Fuß vor den anderen zu setzen. »Eiiins... zwaaiii...« Sie stoppte, ging zurück. »Moment, zweiundfünfzig ist hier die Antwort auf alle Fragen, nicht zweiundvierzig...« dozierte sie mit erhobenem Zeigefinger, und schritt von neuem zur Tat, und dabei diesmal schneller voran. »Eins, zwei..hm..« Sie setzte sie die Schuhe mit etwa zehn Zentimetern Abstand entlang des drei oder vier Millimeter breiten Spaltes auf. »hm.. hm .. und .. Zehn. Quadratiert. ... Immer noch nicht? Na gut, dann machen sich jetzt alle die Fingerchen schmutzig. Naja, fast nicht schmutzig. Runter!«

Konsternation in Perfektion wogte durch die Runde außer durch den Peter in der letzten Reihe.

»Ganz einfach, so. Das könnt ihr doch noch, oder?« Sie hockte sich auf die Hacken ab und berührte den Boden, ganz langsam, kurz und vorsichtig erst mit der Handfläche, dann mit dem Handrücken. Ihre Hosenbeine rutschten dabei etwas über Spannhöhe herauf und zeigten statt der erwarteten Socken die stiefelartig erhöhten Schäfte ihrer Schuhe, die um das Fußgelenk sichtbar versteift waren.

Die Menge folgte zögerlich, in Erwartung fast verbrannter Finger. Die sehr rauhe und griffige Steinoberfläche, aus der die einzelnen Mineralkörner schimmerten, war angenehm kühl, nur etwas, aber spürbar kühler als die Luft sogar.

Sie sprang wieder auf, der gebückte Haufen rappelte sich von neuem dazu auf, ihr zu folgen. »Neun Kilowatt... so ungefähr... das reicht für zwei Familien, oder ein kleines Motorrad, oder einen großen Herd mit Backofen. Oder für viel Aua, wenn man den anfaßt.«

Irgendwas wollte mir dämmern.

Sie war schneller, und deutete auf die Sonne. »Das ist ein Geschenk. Entweder läßt man es liegen und sieht zu wie es verrottet, oder man greift zu. Und Freiheit ist es auch.« Monique kratzte sich wieder am Kopf, was Nina lachend und mit einer hochgezogenen Augenbraue registrierte. »Gut, dann gehen wir mal wieder .. Lustwandeln, schönes Wort... das gab immer fünfzig cents, so einen Schokotaler, für solche von der Lehrerin in Deutsch hier, deshalb hab' ich gleich .. majors in das und Geschichte gewählt, als ich zurück aus Deutschland und ins college gekommen bin, da war ich immer satt, nach Deutsch... und dann wird's schon klappen. Folgt mir einfach ein bißchen.«

»Genau das ist das Problem, was ich gerade habe...« murmelte Monique, als sich die Gruppe wieder in ihren Trott begab.

Nur Ninas Schritte waren noch von der selbenen energetischen Eleganz wie am Anfang der Tour, der Rest begann etwas zu schlurfen, nicht nur mental. Sie sicher nicht. »Die Steinplatten sind übrigens alles Naturstein und mit Feuer behandelt. Das macht sie so rauh, damit man nicht ausrutschen kann wenn es mal regnet oder sich Wasser kondensiert. Das passiert manchmal. ... Aber ich fange mal von vorne an mit dem Pferd aufzäumen, damit es nicht so durcheinander ist. Eigentlich hat alles ganz anders angefangen, nicht mit Steinen, sondern mit Papier. Da hat irgendwer wieder mal in den Atlas geguckt, so einen wie in der Schule, und gesagt 'haben will'. Irgendwo da im Norden, ...naja, weiß ja jeder. Und dann mal probiert. Erstmal ein bißchen Buchten begradigt vor der Küste. Für die eigenen Fische... Fischerei genommen, so daß da die anderen Boote nicht hin sollen. Die soviel nautical... Seemeilenzonen ausgedehnt. Dann das ganze Meer, das im Atlas den selben Namen hat. Steht ja da hingeschrieben. Und die Inselchen da drin dann auch gleich, auch wenn die nur so Sand sind, der die halbe Zeit unter Wasser ist. Auch wenn die schon direkt vor größeren Inseln liegen, die schon von ganz andern Völkern bewohnt sind; ganz anderes Land. Da kommt dann ein altes Schiff hin, und etwas Beton, ein paar Seeleute, die da leben müssen, und wenn keiner was sagt... Naja, dann hat er wohl recht gehabt. Und zu Hause sagt keiner was, da hat er nämlich immer recht und kriegt viel Applaus von seinen fans, so lange sie dicke Autos haben und die Leute auf der Gasse nicht allzu laut hungern. Naja, und das war wohl eigentlich das Problem, vor allem wenn die ihm untertänigst zwei Milliarden Reisschälchen unter die Nase halten und die im Winter kalt bleiben, weil die Kohle auch leer ist. Nicht, daß es ihm irgendwie gekümmert hat. Da gab es ja nur eine Meinung für alle, eigentlich. Für die business people von hier und von euch haben sie eben einfach ein paar Städte in einem anderen System regiert, aber da nur die wichtigen Arbeitskräfte reingelassen. Da ging dann alles, und sonst ging nur Reis. Und billig gings immer, weil sie Dollars bekommen haben und die Leute haben... hier sagt man, Tapetengeld verdient. Und weil die vielleicht ja doch mal alle Dollars kriegen könnten,... das hat eigentlich keiner kapiert, daß der Trick war, daß sie eben meistens keine kriegen, ...war jeder lieb und nett zu der Regierung von den zwei Milliarden potentiellen Kunden. Die hat auch immer mal wieder gewechselt, weil das alle freut und modisch... modern aussieht. ... Kennt ihr Khrushchev?«

Zwei oder drei Leute nicken zögerlich. Ich meine, den Namen in der Schule mal gehört zu haben. Irgendwas mit Kuba und 'ner Mauer, glaube ich, obwohl mir das genauso wenig miteinander zu tun haben scheint, wie die Steine über die ich gehe und Reisschälchen im Norden.

»Von mir aus geht das auch mit dem alten und dem neuen chief... Häuptling... oder König. Also, die indians haben den alten rausgeworfen. Da geht er mit dem neuen ins tepee, raucht die Friedenspfeife und nimmt drei Zettel... Pergamente, und sagt, 'die liest Du, wenn Du ganz tief in dem Mist steckst und dir nichts mehr einfällt', und geht raus in die Berge zum Sterben. Dauert nicht lange, dann ist es soweit, da liest er den ersten. 'Sag, ich bin schuld.' steht da. Er macht das, und alles wird gut. Eine Weile später ist es das nicht mehr und er nimmt den zweiten 'Sag, die anderen sind schuld.' Macht er, und alles wird besser, aber auch nicht lange. Weil das so gut ging, nimmt er gleich den dritten und liest, 'Schreib drei Pergamente'.«

Die Runde lockert sich mit verteiltem Gelächter.

»Na, wir standen halt auf dem zweiten Pergament hier. Pech gehabt. Und im Atlas, wißt ihr? Da steht ihr auch, da sind immer diese kleinen Weltkarten auf denen steht, so viel Einkommen hat jeder, so viele Leute wohnen da auf einer square mile... oder so, alles in schönen klaren Farben, und die mit den bunten Quadraten und Dreiecken und ein bißchen hellem grün, und so,... Eisen, Uranium, Kohle, oder Weizen, Mais, Reis... Holz, natural gas, petrol. Und die Städte sind nette kleine Kreise, mit Punkten drin, oder innen rot, wenn sie ganz groß sind sogar Quadrate oder outlines, aber solche gibt's hier nicht. Da ist das Land dann auch immer richtig grün, wenn es tief, und braun wenn es hoch ist. Und das Meer schön blau, weil das macht den Zeichner glücklich. Wenn man umblättert, sieht die Welt jedesmal ganz anders aus.« Sie imitiert das Umblättern vor sich, »Soso... hier keine Dollar, da viele Dollar... Oh, hier ganz dunkel viele Leute, da ganz wenig Pünktchen keine Leute... Ah, hier viele rote Quadrate, da kleine leere Kreise... Ach, da Kohle, Eisen, Gold, Uranium, hier Kohle, Eisen, Gold, Uranium... Oh, interessant, hier ist wohl nicht mehr aktuell. Nur die Seite, wo steht hier viele rice paddies und da viel trocken Buschfeld, die hat er ganz schnell umgeblättert.« Sie zuckt mit den Schultern. »Man kann schließlich nicht alles haben. So etwa muß das angefangen haben. ... Tut's meistens.«

»Zum Glück steht da bei uns keine Kohle, teuer, voll und weit weg. Und kompliziert.« Johannes hatte die Gleichungen wieder scharfsinnig linearisiert und kräftig gekürzt, breit grinsend, natürlich. Jetzt war ich gespannt, ob das Schwert auch hier schärfer war als des Spötters Feder.

Sie spitze kurz den Mund, zog die Augenbrauen hoch und drehte sich zu Johannes. »Kommt drauf an, wie man umblättert. Auf der Seite 'Machen alles mit, wenn man laut genug Kundschaft ruft' ist da ein großer, dunkler Fleck. Zumindestens in seiner Ausgabe. Vielleicht zeichnet das ja jetzt jemand neu... kann ja sein, ...wenn es sich ändert, meine ich.«

Johannes machte wieder einen verbeugten Gesichtsausdruck. Zwei zu Null, würde ich sagen.

Sie bot gleich die Hand zur Versöhnung. »Ich will mal nicht so sein, wenn Du wenigstens Gorbachev kennst, Hannes.«

»Wen?« Im Geiste erschallte mir das schnarrende Bläääp, das in gameshows immer bei der falschen Antwort kommt, nicht nur für Johannes, sondern auch... Wenn der eine das mit Kuba und Mauern war, ...ich kenne einfach keine Russen. Da hab' ich wohl gepennt.

Sie lacht auf, »Der hat auch drei Zettel geschrieben, die hat aber keiner mehr lesen wollen. Mehr ist nicht wichtig, nur daß das hier, also bei ihm, genauso war, am Ende. Und seine fans sind auch weg vom Fenster, und das Jahrhundert, wo sie da rausgeschaut haben, fällt nicht so auf, wo die sich mit ein paar Jahrtausenden Geschichte vergleichen müssen bei sich zu Hause. Aber das war mir damals ziemlich egal. Da wollte ich party machen, und flirts, und das hat nur genervt, wenn das angefangen hat. Und das war ziemlich plötzlich. ... Die haben das smart gemacht, also, so ein Jahr vorher haben sie gesagt, daß sie aus jedem Hafen eine Abgaben... zollfreie Zone machen. Na, das ist wie wenn eine tote Kuh in der Buschfeld liegt. Dann kommen die ganzen Geier... oder Condor... welche habt ihr in Deutschland?«

»Gar keine.« sage ich, ohne es richtig zu registrieren.

Sie guckt mich fragend an, »Aber die bleiben dann nicht liegen und fangen an zu stinken, oder, totes Vieh?«

Das bringt mich ins Schleudern, »Nein, ähm, die muß der Bauer dann selbst entsorgen... oder der Abdecker... kann sein. Weiß nicht. Patrick?«

Patrick pennt.

Sie verzieht das Gesicht, etwas angewidert und etwas ungläubig. »Ooogh! Ekliger job. ... Gab's da noch nie welche oder sind die ausgestorben? ... Dann wär's ja nur richtig, wenn's stinkt und ihr die Schweinerei mit der Leiche selber wegmachen... Okay, ich bin fies, also seid lieb zu den Geiern und stört sie nicht beim Essen, auch wenn ihr keine habt. ... Außer ihr habt mehr Hunger als die ... Die richtigen, meine ich. Die in schmierigen Federn mit Blut am Schnabel, nicht die in schmierigen Anzügen und styling gel im Haar. .. Die .. haben ... naja, ihre Art von toten Kühen gerochen, und haben dann alle Schiffe gemietet die sie kriegen konnten, die billigsten zuerst natürlich. So... fast schon wrecks. Und die fans da selbst haben auch kräftig Schiffe gemietet, was zu kriegen war, und die businessmen haben das dann gesehen, hoppla, jetzt müssen wir aber auch noch welche haben, und so weiter. Das wurden viel mehr Schiffe, als man jemals mit Waren füllen konnte. Hat kaum einen gewundert, außer ein paar Matrosen und Hafenleuten. Die Schiffe haben dann alle an dem Tag da schon gewartet, weil sie da alles so machen konnten, wie sie wollten, abladen, einladen, in ein Lagerhaus, alles kost' nix. Alles just in time. ... Haben die sich so gedacht, weil als die Häfen so richtig voll mit Schiffen waren, etwas später, haben die da den Laden dicht gemacht, und alles beschlagnahmt. Ätsch! Da war's nix mehr mit made in billig und verkauft in teuer. ... Achso, und kurz vorher haben sie noch einen Vertrag mit uns gemacht, da haben sie die ganze Kohle im Norden gekauft... Da gibt es Kohle, da muß man nur ein paar hundert Füße Wüste und Sand wegbaggern, und da drunter sind dann nochmal so tief oder mehr fast nur Kohle, und die ist sehr gut, auch noch. ... Ich weiß das nicht als fact, aber hat mir wer erzählt, daß der Minister von economy erstmal... passed out... umgefallen ist, als er den Brief auf gemacht hat. Dann haben sie ein bißchen verhandelt, aber als die gleich die ersten fünfzig Milliarden Dollar direkt vorher schon überwiesen haben, hat jeder nur noch jajaja gesagt. Shake hands im Fernsehen, und so. Alles sehr schön, weniger Steuern und alle sind prima Freunde. ... Nur bei denen zu Hause haben sie das ein bißchen falsch ...dubbed... synchronisiert. Da haben sie gesagt, daß wir sie... eingeladen hätten zu kommen, alle, weil hier so viel Platz ist. Und weil wir jetzt so reich sind und so nett würden wir uns neue Siedlungen bauen und die alten an sie geben, wo wir schonmal dabei sind, viel modernere Technik hätten wir ja auch. Das Geld für die Kohle wäre ja ganz nett gewesen, aber für alles, das war billiger als die Russen Alaska verkauft haben.« Irgendwie hatte sie es mit denen. Das die mit Kuba .. und .. Alaska was gehabt haben ... naja, hab' wohl wirklich gepennt. »Und das beste war, die haben da Landkarten gezeigt, da haben sie einfach alle Orte die hier sind von der Küste ein paar hundert Meilen in das Land geschoben, so parallel,« sie schiebt mit beiden Händen die Luft vor ihr weg, »und gesagt, das ist der Plan... Das ist ja nur hier richtig grün, das Land, beim Meer. .. Da .. ist nur Salzwüste!«

»Na, ob das alles so war, das hört sich doch so an... das hat doch keiner geglaubt.« stutze Monique vorsichtig.

Nina lachte auf, »Ja, hier hat das keiner geglaubt. Das stimmt. Secretary Gupta ist sicherlich nochmal umgefallen, als er gehört hat, was die correspondents da aus dem Land berichtet haben, was die gesagt haben, daß er unterschrieben hätte.«

»Nein, ich meine da, bei denen. Egal... ich meine, das weiß ja keiner mehr, was eure Regierung da wirklich genau verhandelt hat, oder das war vielleicht auch nur schlecht übersetzt, oder mißverständlich, aber es gibt doch das Netz, und ...weiß nich... Presse, Fernsehen, da können die doch nicht einfach was ganz falsches erzählen. Muß doch nur wer die Antenne auf CNN oder BBC drehen. Da muß doch schon was dahinter gewesen sein. Da wollte hier wer reich werden, und hinterher konnten sie nicht mehr zurückrudern... denke ich.«

Nina war sichtlich amüsiert, aber das hatte sie wohl schon öfter gehört. Jedenfalls war es auf der anderen Seite der Ozeane die gängige Meinung. »Das versteht ja fast keiner. Haben wir ja auch nicht. Kein Wunder, wenn man über hundert Jahre ganz frei gelebt hat, sogar bei euch, da kann sich keiner mehr erinnern, wie das ist, so zu leben. Ich meine damit, die haben free press und so in das Grundgesetz, aber wenn da einer mit einer satellite dish erwischt wurde, dann mußte der mit seiner Familie umziehen in eine andere Stadt...«

»Und? Wenigstens, gestorben oder verhungert ist er nicht...«

Danach erfuhr Monique wohl, das graue Augen töten können. Einfach so. »Nein. Aber die durften dann alle zusammen freiwillig fünfundzwanzig Jahre lang sechzehn Stunden am Tag ohne einen Sonntag die billigen... nein, was is das Schimpfwort... ähm, preiswertes Spielzeuge bauen die bei Dich unterm christmas tree gelegen haben. Und stereos, und playboxes... Bis es ihn besser ging und sie nicht mehr infected waren von western propaganda. ... Okay? Ich kenne nämlich einige, naja... da bin ich immer etwas allergisch, deswegen. ... Egal. Macht nix. ... Also, die haben fast alle nur das erzählt bekommen, was gerade nicht gut für sie, sondern für den großen boss war, und seine fans. Und wer was besser wußte, der war schön blöd wenn er's erzählt hat. Denn wenn das der falsche Freund hört, dann geht's ab... in die Wüste. Arbeiterstadt. Halbes Leben, oder vielleicht ganzes.«

Es muß wirklich nur der Blick gewesen sein, denn die Antwort kam ganz ruhig und ohne akustische Schärfen. Aber Monique, die sonst eher die lässige, mediterran angehauchte Westeuropäerin gab, die im Straßencafé über alles Leid in der Welt mitfühlend, passioniert und engagiert mitdiskutieren konnte, zuckte unwillkürlich einen halben Schritt zurück.

»Und CNN und BBC waren meistens auch begeistert, aber auch ziemlich überrascht... oder unvorbereitet. Weil das war ja so gerecht, und friedlich alles. Ganz neue wunderbare Zeiten... Und wenn dann der spokesman von uns gesagt hat, 'Äh, hallo, klopfklopf... Das ist alles ganz falsch, wir wollen die garnicht haben, und das geht garnicht, weil hier fast alles Buschfeld und Wüste ist, und hier ist der Vertrag, da steht garnichts davon drin... Da hat keiner mehr zugehört, oder die haben gleich auf ihn geschimpft, weil er bei der falschen Partei ist, oder so. Ich meine, das war ab da ein no-brainer... also, da mußte man nicht mehr denken darüber. Ein paar Millionen reiche kleine ... Schafzüchter hier auf ihrer riesigen leeren Insel... und zwei Milliarden ...needy... bedürftige Kundschaft da eingeklemmt auf den Pfaden zwischen Reisfeldern. Bevor sich das irgendwer überlegen konnte, oder die UNO mal eine Kommission macht und vorbeischickt, oder so, da haben sie einfach in jedes Schiff das sie gerade kriegen konnten, ein paar tausend Menschen und Proviant für die Fahrt und noch drei Wochen gesteckt, und gerade genug Öl für ... ohne Rückfahrkarte, und dann ab dafür, diese Richtung, bis eine große Insel im Weg ist. Da waren entweder irgendwelche armen fishermen am Ruder, die angefangen haben zu Schwitzen vor Angst, wenn sie ihre Küste nicht mehr sehen konnten, oder die haben gleich die Seeleute mit dem Schiff verhaftet und ein paar Polizisten neben sie gestellt. Das war ja da für keinen neu, Polizei mit großem Gewehr gab's da öfter zu sehen. Das weiß keiner, wie viele da wirklich in typhoons untergegangen sind, unterwegs, nicht mal wie viele Schiffe. ... Naja... Auf einmal wirst Du wach, und beim Frühstück-TV siehst Du ein Schiff neben dem anderen da unten im Norden an die Küste krachen. Ich meine, da sind ja nur ein oder zwei richtige Häfen überhaupt. Wenn das Öl leer ging, dann mußten die das Schiff festfahren, und sehen wie sie zum Land kommen... bevor sie driften weg. Die Haie fanden das bestimmt prima. Und dann fällt ein paar Tage später nicht nur die Schule aus, sondern auch das ganze Leben... jeden Tag etwas mehr. Da sitzt Du da und weißt von allem nix, außer das Daddy sich neulich noch gefreut hat, weil die Steuern weniger werden nächstes Jahr, und dann das. ... Die spinnen, die... was soll das? Da stehen so Reisbauern rum, die kennen sich hier nicht aus, und halten freundlich und verängstigt irgendwelche Zettel mit komischer Schrift und vielen Stempeln in die Kamera. Am Strand, wo es sogar zu heiß zu Baden ist. Und irgendwie sieht das ganz anders aus als im Fernsehen oder im Atlas oder als sie es sich vorgestellt haben. Und dann...?«

Johannes nutzte breitspurig die Pause, »Dann ging's ja wohl ein bißchen schief, oder was... noh offenz, hä?«

»Hm, ja. Aber erstmal wahrscheinlich anders als Du denkst. Als die ersten schon hier waren, da gings bei denen schief. Die hatten keine Schiffe mehr, nach ein paar Monaten. Dann haben sie sogar... obsolete... zu alte, schon kaputte Kriegsschiffe genommen, und so viele Leute rein wie da drin stehen können. Die wollten ja alle in den goldenen Süden, wo es schonmal ging. Vorher durften die ja nichtmal in die Stadt nach der nächsten, wenn sie es überhaupt zahlen konnten, ohne passport und Erlaubnis. Als die Schiffe auch fertig waren, haben sie erstmal gesagt, Geduld, die Häfen sind überlastet, die Züge sind übervoll, die Straßen überflutet, und sowas. Und die Leute hatten dann eben Geduld und sind da in den Städten sitzengeblieben. Das war schonmal... nicht falsch, auch wenn sie erstmal nur das gemacht haben, was die ihnen gesagt haben, aber das war da schon ein paar Jahrtausende so ähnlich. Das hat da nie jemand gelernt, mal nachfragen, oder so. Hier war das noch nicht so schlimm, abgesehen davon, daß die anfingen, Durst und Hunger zu kriegen, als der Vorrat leer war. Dann haben die Polizisten erstmal alle ihre eigenen Leute weggejagt, ihre Waffen gegen Essen getauscht bei den paar Leuten von der coast guard. Die konnten ja nur zuschauen, und die anderen haben das immer so .. ähnlich gemacht zu Hause. Das waren ja nur ein paar hundert coast guards mit Kugelschreiber und Pistole für die ...zehn oder zwanzig Millionen, die da an der ganzen Küste waren, mit ein paar tausend Polizisten mit großen machine guns. Die coast guards haben ihr eigenes Essen noch abgegeben, wenn sie es konnten, und dann Hilfeee gerufen... wir hatten ja garkeine army mehr. Warum auch, wißt ihr, alles verkauft, bis auf ein paar jeeps, trucks und Hercules Flugzeuge und sowas, was man eben für die UNO Sachen braucht. Für jeden Soldaten ein Gewehr, und von beiden nicht viele, und das wars so ziemlich. Hier war ja nie Krieg. Nur peacekeeping bei euch zu Hause in der Nachbarschaft. Als die dann die ersten grauen Schiffe mit riesigen Kanonen vorne drauf gesehen haben, da sind die erstmal gerannt, kann ich euch sagen. Wär' ich auch.«

»Versteh' mich nicht falsch... Aber die haben doch mit Panzern ein Schiff versenkt, oder? So weit sind sie dann wohl nicht gerannt...« Monique traute sich wieder um ihre Ecke, aber bedeutend vorsichtiger als zuvor.

Nina zuckte mit den Schultern, »Geschossen haben sie schon drauf... Wenn Du mir zeigst, wie man mit einem richtigen Panzer ein Schiff versenkt, dann bist Du echt gut. Aber richtiger Panzer hatten wir noch nie hier, nur so ...armoured personnel carriers, heißen die auf Englisch. Das sind mehr so kleine trucks auf ...tracks... naja, wie Bagger... Ketten, mit einer großen Kabine, da sitzen dann zwölf oder so Soldaten drin, ohne daß sie gleich von jedem mit einem Gewehr erschossen werden können. Und eine Kanone haben die garnicht. Die sind auch mehr für die UNO als für Krieg. ... Fast überall haben die das gemerkt, das die Kriegsschiffe garnicht für Krieg da sind. Die hatten ja denen nichts gegeben zum Schießen. Aber auf einem, da haben sie so... fireworks, so für Signale, die man mit der Kanone schießt, vergessen. Oder es hat sie wer mitgebracht, und sie haben nix kontrolliert. Und irgendeiner, der mal bei der navy war dort, der wollte wohl ein Feuerwerk machen, weil die sich natürlich gefreut haben, daß sie endlich nicht mehr ...seasick sind. Und viele, die haben da ja so Kleider, die alte von der Armee sind. Das siehst Du schlecht im Fernglas, wenn die alle oben auf dem Schiff stehen. Und das Schiff ist gerade eben allein und als erstes da an dem Ort, vor einer radar-Station von der ...Küstenwache angekommen. Und die haben Panik gekriegt, als es geknallt hat, da waren auch so ein paar Soldaten mit ihren APCs, und die sind mit einem davon, und einem... mortar, so eine Kanone, das man unter'n Arm nehmen kann, .. Mörser, genau, so einen hatte ich auch mal.. Also, die sind nix wie raus, da hat es noch ein paar mal geknallt bei denen, weil die das firewoks nicht nach oben geschossen haben. Die Kanone ging nämlich nicht mehr hoch, nur nach vorne. Dann haben sie drei grenades auf das Schiff geschossen, und sofort aufgehört, als die alle da ins Wasser gesprungen sind. Aber eine ist in einen Öltank gefallen, ganz hinten am Schiff, und der war natürlich fast leer schon und ist deshalb explodiert. Geht ja nur, wenn ganz viel Luft drin ist. Ein voller Tank brennt nur. Das Schiff war sowieso schon total kaputt, weil es ...practice target... die haben da schon zur Übung selber Bomben drauf geworfen mit Flugzeugen, und dann haben sie es nochmal zum Fahren gebracht für den ganzen Mist, weil kein Schiff mehr da war. Deshalb war der Tank auch nicht mehr geschützt gegen das und ging das Feuer schnell weiter, da waren keine Türen oder... Sperren, oder so was mehr da. Das gab viele Verletzte wegen der Explosion und den Splittern, Ohren... Trommelfell, und so, aber zum Glück waren die meisten vorne auf dem Schiff und haben das Land angeschaut. Das Schiff ist auch wirklich gesunken, aber nur langsam ein paar Fuß, dann war es auf dem Boden. Gestorben sind viele im Wasser, ertrunken, oder Haie. Die konnten nicht alle schwimmen, die kamen da irgendwo aus einer trockenen Gegend. Und dann hatten die das Problem erst allein, die Soldaten, und dann wir alle.«

Ein Schwarm Vögel, die aussahen wie Tauben, die für eine Lackfabrik Reklame fliegen, zischte in Kniehöhe über den Platz und teilte sich vor unserer Gruppe, um auf der anderen Seite mit ein paar schnellen Flügelschlägen wieder zusammenzufinden.

Sie guckte den Vögeln ein Momentchen lang nach. »Weil da war ein Fernsehteam auf dem Schiff, und die haben via satellite nach bei denen zu Hause gesendet. Und das ging dann um die ganze Welt. Da ist fireworks normal, nur hier... naja, ist eben dumm gelaufen. Aber daß die radar Leute und die Soldaten dann mit zwei Ruderbooten die Leute aus dem Wasser geholt haben, und die Haie erschossen, das haben sie erst garnicht gezeigt da. Da hatte schon wer den Stecker gezogen, da war nur test picture. Bunte Streifen, so. Und dann haben sie es hinterher so gesagt, daß das zu brutal war zum ansehen, und für später haben sie das geschnitten. Da haben sie erst gezeigt, wie die ins Wasser schießen, die Soldaten, und dann gleich danach Leute, die vom Hai... angebissen und tot waren. Mit viel Blut, da haben sie extra die tint Knopf hochgezogen, damit man es richtig sieht. Aber die Kameraleute, die haben das schon richtig und wahrhaftig gefilmt. Die hatten auch ein videotape, weil es kann ja sein, daß es via satellite irgendwie nicht geht. Und der Film war eben erstmal nicht da, bis es zu spät war. Da waren wir dann alle aufeinmal 'paramilitary terrorists', und dannnn... ging das auch schnell auf einmal in die UNO und security council. Naja, ich will da niemand was schlechtes nachreden, aber ich denke, der große boss im Norden hat da auch ein bißchen gewedelt mit seinen atomischen Raketen, und das wars dann... für uns. Und als der richtige Film dann da war, da hat natürlich jeder gesagt, .. wir .. hätten den manipuliert. ... Hm! ... Das ging erst nach zwei Jahren, als die in London, da hat die BBC so ein Studio, wo sie alte movies und historische documents restaurieren, als die das original videotape untersucht haben, da haben sie langsam angefangen, die Meinung zu ändern. Das hat eben auch lange gedauert, weil es eigentlich keiner mehr geglaubt hat. Und so lange war Embargo, und etwas kürzer auch Krieg hier. So lange war es hier jeder Mensch für sich selbst, wie man so sagt.«

Monique guckte immer noch skeptisch, hatte aber wohl nicht recht was zum dazwischenschieben bereit.

»Da gab es erstmal nichts für uns .. und .. die dreißig.. vierzig Millionen Leute, die da am Ende dumm am Strand standen. Das war schlimm, besonders für die. Weil die ja kaum was zu Essen mitgebracht hatten. Die haben dann erst alles was sich bewegt hat gegessen, und dann alles was grün ist. Und das ist beides manchmal giftig hier oder beißt. Manchmal beides zusammen... Und dann... naja, bevor es noch schlimmer wurde, da sind sie an der Küste lang nach hier rauf gewandert. Da gibt es ja ein paar Dörfer, Fischer, und so. Die haben gefischt, Tag und Nacht und mit Licht und dynamite, wenn so ein paar Millionen Leute durch dein Dorf mit drei Straßen gelaufen sind, dann sind nichtmal mehr die Straßen da, und die Fische sind dann auch weg erstmal. President Kessler hat gleich den ... emergency ausgerufen, natürlich, und Rationenkarten...? Essensmarken...? eingeführt. Alles, was irgendwie da war, haben sie mit den Hercules und anderen Flugzeugen da hingeschickt und neben die Leute geworfen, wo sie gerade liefen. Die airlines von hier durften ja sowieso nicht mehr in andere Länder fliegen, dann. Da hatten die auch so für vierundzwanzig-sieben Arbeit. ... Das war ja über hunderte Meilen verteilt. Die waren ja nett im Prinzip, die Leute, Frauen, Kinder, alte Leute, aber eben so viele und so hungrig. Das konnte nicht gut gehen, vor allem war ja wenig Wasser da, und kaum water trucks. Jeden ..Tankwagen haben sie da sauber gemacht und Wasser damit gebracht, auch wenn das erstmal komisch schmeckt, so nach tausend Meilen in der Sonne, wo vorher petrol im Tank war. Das geht ja nicht ganz weg, egal wie man putzt, und es mußte ja schnell gehen. ... Aber das Embargo ist geblieben, die haben gesagt, Kessler soll erstmal Wahlen machen, wegen dem state of... Ausnahmezustand. Naja, zum Glück, Embargo ist nur was für diplomats und kleine Kinder... das dauert zwei Wochen, und dann kriegst Du alles. Mußt nur nach dem Preis fragen. Die ganzen von unseren Seeleuten, die nicht mehr normale Fracht fahren durften, haben halt gesehen, wo sie noch Getreide holen können und Kram das sie verkaufen konnten. Für hartes Geld, scharfe diamonds und weiches Gold geht ja alles, draußen auf See tauschen, das Land vom Schiff wechseln, und so. Und den meisten anderen Ländern war das mit legal oder illegal ziemlich egal. Aber hier... Geld, das ist dann nicht immer was Wert. Und Münzen sowieso, da ist doch das Blech viel wertvoller als die Zahl. Geld funktioniert nur, so lange da alle dran glauben. Nur wenn die sehen, oh, der Gott vom Geld, der blutet ja, wenn man ihn piekst, dann ist's vorbei. Dann machst Du besser das Feuer damit an oder machst washer... so Scheiben mit Loch zum drunterlegen unter Schrauben, da draus. Deshalb ist hier auch fast alles in Papier, das Bargeld, da hat sich jetzt jeder dran gewöhnt. Das ging schnell, nur ein paar Monate, da waren die Leute alle bis in die Städte hier gewandert.«

Wir wanderten mittlerweile eine flache Rampe hinauf, die sich zu beiden Seiten in etwa so weit erstreckten mußte, wie wir bisher vom Bahnhof her gelaufen waren. Im Anstieg konnte man zunehmend die Weite des Platzes in der hügeligen Landschaft der Küstenberge erkennen, deren dunkelgrüne Hügel er fast zu unterbrechen schien.

»Da find' mal genug zu Essen für vier mal so viele in der Stadt plötzlich. Das war dann so ein bißchen wie halb... Mad Max? ...kennt ihr auch nicht? Hm? ...und halb Dark Angel...? Naja, jeder hat getauscht und geschoben und Sachen aufgehoben wie ein Hamster sein Futter, und...« sie blies ihre Wangen auf, und ließ die Luft wieder sausen, »poof... Am nächsten Morgen war irgendwas anderes ganz viel Wert. Das was man natürlich nicht gerade da hatte. Da merkst Du schnell was Du immer hast, klar, oder?«

Die Blicke aus der Runde, die auf ihren fragenden hin zurück kamen, hatten es wohl nicht ganz gemerkt.

»... Na, die hier, die .. hier, das da, das... Zehnerpack und...« Sie zeigte erst mit den zwei victory-Fingern der Rechten auf ihre Augen, zupfte dann beide ihrer Ohrläppchen mit Daumen und Zeigefinger, zeigte überdeutlich mit dem linken Zeigefinger auf ihre Stirn und spielte zum Schluß mit ihren zehn Fingern La Ola in stereo. Ihre Hände waren eher schmal und zierlich, aber das dezente Spiel der Sehnen und Venen auf den Handrücken verriet das viele Training und Geschick, das in ihnen stecken mußte. Dann ging sie schnell ein paar Schritte vor an das obere Ende der Rampe, das wir mittlerweile vielleicht zwanzig bis dreißig Meter über der tieferen Ebene fast erreicht hatten, einige nur recht keuchend. »Und...« sie neigte sich nach links zu uns und zog ihr rechtes Bein langsam hoch in eine Bewegung, die aussah wie einer von diesen seitlichen Tritten in manchen Computerspielen, die in der deutschen Version nicht drin sind, streckte es waagrecht aus, zog es wieder zurück und setzte es schließlich ab, gerade über die Kante, die die Rampe nach oben abschloß. Ihre Arme waren dabei immer irgendwie schützend vor dem Oberkörper, anstatt bei der Balance zu helfen; es ging wohl auch so, und zu meinem erstaunen sogar nicht virtuell. »...das hier auch. Kommt mal erstmal hoch, sind ja nur noch zwei Meter. Ab hier geht's bergab.« Die obere Ebene erschien dunkelblau und unter Glas verdeckt. Die Glasplatten hatten das selbe Maß wie die grauen Steinplatten, die um uns herum zu sehen waren, so weit uns die Füße getragen hatten. »Oder ... erst mal noch ein kleines Stückchen horizontal, dann wieder runter. ... Keine Angst, da kann man richtig drauftreten. Die halten auch ein bißchen Hagel aus, wenn die Regenzeit endlich kommt. Der hat schonmal...« sie zog eine Augenbraue hoch, und ein Grinsen kroch um den darunterliegenden Mundwinkel »Schuhgröße fünfundreißig, und tritt ein bißchen härter als ich.«

Patrick rieb sich die Augen und drehte sich halb zu Johannes und mir. »Sind das alles Solarzellen hier? ... Wow!... Das'n bißchen mehr als der Streifen auf unserer Scheune... das hab' ich mit meinem Vater geschraubt, und sieben Streifen Kollektoren haben wir da auch. So für Wasser und heizen auch, weißt Du...«

Nina lachte hell auf. Sie kringelte sich fast im stehen. »Sieben Streifen? Wow... Dreh' dich mal um und fang an zu zählen, aber hör nicht auf, wenn Du hier ankommst.«

Patrick tat unwillkürlich kurz wie ihm geheißen, drehte sich aber sofort wieder zurück »Was denn?«

Nina verschränkte die Arme, guckte ihn mit ungläubig gerunzelter Stirn und breitem Lachen an »Streifen!«

Patrick drehte sich nochmal eine halbe Sekunde um und fragte nach, etwa so, als ob sie ihm die unsichtbare Kuh gleich hinter ihm günstig zum Kauf angeboten hätte, »Wo denn!?«

»Peter! .. Ich dachte die sind rocket scientists... hab' ich was verpaßt?«

Monique traf der Schlag der Erkenntnis als erste, weshalb sie sich selbst gleich noch einen mit der flachen Hand vor die Stirn verpaßte. »Aua... Ah, jetzt, ja...«

»Wo denn.. Na. Überall! ... Was meint ihr, warum die Platten so dunkel sind, auch wenn man das nur merkt mit Vergleich... damit viel Sonne drin stecken bleibt.« beugte sich Nina mit weit ausgebreiteten Armen vor und spreizte ihre Hände. Als nächstes deutete sie wieder wie vorhin kurz zur Sonne und auf den Boden. Mein Groschen fing langsam an, bergab zu kullern. »Wenn wir so weit wie jetzt nur in einem Kreis gelaufen wären, dann hätte die Fläche da drin schon so viel Leistung wie ein großes Kraftwerk. Und hier oben ist ja ein bißchen mehr, alles zusammen so gut dreißig mal mehr. ...«

»Da steht ja ein Galgen, auf dem Gnubbel da hinten!« bemerkte Monique erschreckt.

Nina drehte sich nichtmal um, »Genau. Und da gehen wir als nächstes hin. ... Paßt etwas auf, das Glas hier ist etwas glatter als die Steinplatten da unten. ... Das ist Freedom Point. Das wird manchmal mit dem ganzen hier verwechselt, das heißt Freedom Monument, nicht nur der Turm, alles hier. Aber Freedom Point, der hieß schon auf den ersten Karten so. Von der Spitze aus hinter dem Turm war ganz früher das Grafschafts.. Landkreisgefängnis. Und weil die ersten Siedler aus Europa hier nicht so mit dem Buschfeld zurecht kamen, sind sie da nicht weit reingegangen. Aber Gefangene, die sind natürlich überall hin, wenn sie ausgebrochen sind. Wenn sie da draußen fast verhungert sind, sind einige wieder zurückgekommen. Und die haben sie dann gleich hier aufgehängt. Also, entweder ihr sterbt da draußen, oder hier, hieß das. Das hat von denen keiner geglaubt, daß man jenseits der Berge leben kann, ohne Hafen und ohne Schiffe und Zeugs aus Europa.«

»Aber die Ureinwohner haben das doch schon lang gemacht. Haben die das nicht gesehen, damals?« bohrte Monique nach.

»Erzähl das mal 'nem Marineoffizier aus dem siebzehnten Jahrhundert... die haben nichtmal gemerkt, daß sie Menschen sind. ... Übrigens sagen wir hier nicht so gerne Ureinwohner ... oder natives. Eigentlich sind die Tiere hier die einzigen natives, weil die sind seit Pangaea hier. Alle Menschen sind ja noch nicht so lange hier. Da sind eben welche vor einigen tausend Jahren gekommen, und vor ein paar hundert Jahren, und vor zehn Jahren, so etwa. Und jeder hat seine eigenen Tiere mitgebracht, was nicht so gut für die von hier war. Alle von der anderen Seite vom Wasser. ... Also, Freedom Point ist ein bißchen ein sarkastischer Name, weil die damals eben gesagt haben, wer frei ist und dahinten, der ist sowieso so gut wie tot. Aber diejenigen, die nicht arrogant zu den Menschen waren, die sie dann da hinten getroffen haben, die haben gut überlebt. Die haben gesehen, gehört und eben gelernt, wie man im Buschfeld so lebt ohne viel nette Sachen von wo anders und mit Technik, die nicht so aussieht wie gewohnt. Wer nicht sehen will muß halt sterben. Pech gehabt.«

»Hui, das ist aber hart formuliert, so für Menschenleben...« murmelte Monique vor sich hin.

»Hat aber viele Millionen davon gerettet, eigentlich. ... Das ist übrigens die echte Bergspitze hier.« Wir waren inzwischen an der kleinen Insel im Meer aus Glas angekommen. Sie hatte eine Art Brandungszone aus Trittgittern um sich und jetzt war zu sehen, das der Galgen eine Plastik war, deren Holzstruktur in Bronze verewigt war. »Da kann jetzt jeder mal in die Freiheit gehen... einfach drüber, und in Richtung Buschfeld, natürlich. Guckt mal genau auf's Holz dabei.« Sie ging vor.

Der gut zehn Meter durchmessende, flache Hügel war gut abgetreten, aber wohl aus sehr widerstandsfähigem, ganz leicht grünlichem Gestein. Die Holzmaserung des Galgens in etwas mehr als realer Größe war aus der Nähe aus sich windenden, ganz feinen, endlosen Reihen von Namenszügen zusammengesetzt, sehr viele davon in einer fremdartigen Schrift. »Das sind alle, die hier fulltime dran mitgearbeitet haben. So etwa eine halbe Million Leute. Die beiden Plaketten hier gehören auch dazu, weil der Platz da nicht gereicht hat.« Nach Norden, zur Sonne hin, waren noch zwei große Platten vor dem Hügel angelegt, die in der Größe den Stein- und Glasplatten der Umgebung glichen. »Nur ein Name ist etwas größer geschrieben, aber dafür kann man ihn nicht von hier sehen. In der Innenseite der Schlinge steht unten 'Joshua Mewenge' ... das ist eigentlich ziemlich typisch für ihn.« sagte sie ungewohnt ernst, und etwas bewundernd.

Der Prof nickte, so als wollte er gerade eben das selbe sagen. Mir war der Name nur nebenbei aus den Nachrichten geläufig.

»So, jetzt gehen wir alle Richtung Knast... für so Worte mußte ich immer einen Schokotaler abgeben. ... Aber keine Angst, hier gibt's nur Lebenslänglich, weil gehenkt wird schon seit fast zweihundert Jahren nicht mehr. ... Also, Richtung Turm, und wenn ihr mögt, nochmal zurück über den Berg.«

Die Gruppe teilte sich in die, die noch Mumm für die paar Meter Steigung hatten, und den größeren Rest. Monique, Patrick, der Prof und ich nahmen den symbolischen Weg nach Nina, der Rest tigerte außen um die einzige Erhebung in der geradezu mathematischen Ebene. Beim Zusammentreffen der beiden Teile machte sie weiter. Der Turm stand fast voll in der spätnachmittäglichen Sonne.

»Von hier sieht man das am besten... mittags natürlich noch mehr. Der Galgen ist klein und ...fast schwarz, aber der Turm ist hoch und hell, und ist weit bis ins Buschfeld zu sehen. Das sagt nicht mehr 'bleib weg', sondern 'komm her'. So wie der Berg früher von der anderen Seite. Der war nämlich ohne Wald, weil der auf diesem Gestein hier nicht wächst. Es ist zwar sehr selten, aber es ist zu nichts gut außer für das geologische Museum. Das hier alles konnte man schon auf dem Meer gegen die Sonne schimmern sehen, und davor war ein guter Hafen. Deshalb ist hier die Stadt entstanden. Die ganzen Ebenen hier sind übrigens nie mehr als etwa zehn Meter über dem alten Gelände. Die coastal ranges sind nicht so groß wie sie aussehen, das macht der Wald dadrauf, da wo er wächst, und der Kontrast zum Buschfeld. Sonst sind sie ziemlich flach und nicht steil.«

»Aber einfach so'n Stück Natur zupflastern, das ist ja doch ein bißchen viel...« merkte Monique an.

»Nun, man hätte die Fläche sicher auch auf die Dächer der Stadt gekriegt, aber hier ist es leichter mit dem Wärmepumpen... und das macht die Steine und auch die Solarzellen hier so kalt. Die gehen dann nämlich besser. Die machen ja nur ein Fünftel von dem Licht zu Elektrizität, der Rest macht sie warm, und dann machen sie noch weniger Strom, dann bleibt noch mehr Wärme übrig, und so weiter. Und früher ist in der Trockenzeit... dann haben wir oft Nordwind... da ist der Wind immer so heiß über die Stadt gezogen, wenn er von hier kam, über die blanken Steine vom Berg. Das ist jetzt besser, genauso wie wenn der Wind vom Wald da oder da kommt.« Sie zeigte in beide Richtungen. »Man könnte auch die Natur hier lassen, und dann im Norden die Kohle ausgraben. Das wäre aber jedes Jahr so ein Loch so groß wie hier. Und die Steinplatten, die braucht man nur einmal ausgraben und transportieren.«

»Sind die nicht von hier?« fragte Patrick irritiert. Transport hörte sich für ihn schonmal gut an, so wie Traktor oder Lastwagen.

»Nein, das Material heißt Porphyr. Das ist sehr fest und haltbar und genau richtig grau. Den gibt es auch in rosa bei euch zu Hause ... das gibt's hier nicht, den hier auch nicht direkt, nur so fünfhundert Kilometer die Küste hoch nach Nordwest. Schiffe hatten wir ja damals genug. Die mußte man nur einsammeln und volltanken. Das war zwar nicht immer so leicht, aber wenn man erstmal will... Und Platz haben wir auch, nur halt nicht für rice paddies, nur ein bißchen. Naja, und Leute hatten wir dann ja auch mehr als wir eigenlich haben wollten. ... Als die losgewandert sind, an der Küste lang, da war nicht nur hier Chaos, das fing auch bei denen zu Hause im Norden an. Da haben die Leute, die in den Städten und Häfen warten mußten, die Geduld verloren. Aber das macht da nichts, weil es keinen interessiert. Da haben die Flugzeuge bauen lassen... das ist eigentlich was für euch, Peter ist damals im Sessel hochgekrabbelt, so wie eine Katze, die sich die Haare hochstellt und faucht, als er das im Fernsehen gesehen hat. Am Kessler Airport steht noch eins, das ist restauriert und ganz geblieben... eins von ganz wenigen, die irgendwie landen konnten. ... Peter?«

Der winkte ab, mit etwas zerknirschtem Gesicht »Du hast's gesehen... erzähl' mal weiter.«

Nina übernahm wieder, »Also, die haben da, wo sie normalerweise so ...Masten für elektrische lines machen, so ganz große, die gibt's auch bei euch, hab' ich gesehen, aus denen haben sie den Rumpf gemacht. So ganz große Gitter, nur mit dicken Stoff beklebt und nur unten mit Brettern aus Holz drin, wo man drauf gehen konnte. Und aus Holz auch die Flügel, wie ganz früher. Holz und Stoff und Stahlgitter. Nur nicht so ...sophisticated... wie bei den alten Holzflugzeugen,... naja, preiswert eben. Riesig, ein paar davon sind die größten Flugzeuge auf der Welt gewesen, so knapp, aber immerhin. Die Flügel waren ganz gerade und auch... die Ruder und so hinten, damit es leichter zu bauen ist. So wie ein kleines Kind ein Flugzeug malt. Alles ganz einfach, ohne Hydraulik drin, alles von Hand. Dann haben sie alte jets von air force fighters da dran geschraubt, sechs, acht, oder sogar zehn, aber die waren noch viel zu schwach zum selber starten. Das haben sie gemacht mit zwei oder drei normalen großen Flugzeugen, so welche für hundert passengers mit turboprops, vorne dran an langen Seilen, und hinten mit ein paar großen Raketen von der artillery... ohne warhead, natürlich. Und im Fernsehen haben sie so gesagt... fast so getan, als ob sie das Flugzeug neu erfunden hätten. Das wäre ganz großer progress, so einfach ein Flugzeug zu bauen... people's airplane... für alle Leute. Das wäre viel effektiver, weil die kleinen Flugzeuge, die die großen hochgezogen haben, viel öfter benutzt werden... so als würden plötzlich zehn Leute in einen Sitz sitzen. ... Aber in Wirklichkeit... Da haben vier oder fünf große, kräftige Leute vorne gesteuert zusammen, weil diese riesigen ... Klappen und Ruder, die gehen sehr schwer zu bewegen. Das war ja alles ganz grob gebaut. So gingen sie dann tatsächlich langsam hoch, aber oben konnten sie nur so eben geradeaus fliegen. Und vorher sind so tausendfünfhundert bis dreitausend Leute reingestiegen. Die Piloten, die haben sie ..young steersmen genannt. So etwa, Junge Führer von dem Flugzeug, aber eigentlich nach dem großen boss, den haben sie da auch so ähnlich genannt. Aber die sind vorher nur mal schnell ein paar Stunden in alten kleinen Sportflugzeugen geflogen, und dann mußten sie gleich über einen ganzen Ozean, ohne Erfahrung und nur mit ein oder zwei SATNAV-Geräten. Das war zwar alles fest gebaut, aber wenn die mal am Äquator, wo viele Gewitter sind, in so eins rein sind, dann sind die Leute hinten umher gefallen, und dann war Schluß mit trim und die sind runtergefallen, wenn sie hinten nicht rechtzeitig wieder auf ihre Plätze gerutscht sind. Sitze waren da keine, nur so Kissen... Die sitzen da oft am Boden, beim Essen und so, also hat sich keiner gewundert. Flugzeug hat da kaum mal einer von innen gesehen, da war das eben so wie wenn sie mit einem truck hitch-hiking in das nächste Dorf sind. Nimm deinen Reissack, spring drauf, und los... Nur dann nach der halben Zeit, wo sie nicht mehr zurück konnten... wie mit den Schiffen, da war nicht genug Platz für kerosene für.. zum Umkehren ...da haben sie gezeigt bekommen, wie das mit den parachutes... Fallschirmen geht, auf denen sie gesessen haben. Die Räder haben die nämlich zu Hause gelassen, die sind nach dem Start fallengelassen, um die nochmal zu nehmen, und dann war das ja auch leichter. Bis die hier waren, da haben auch ab und zu mal welche von den alten Motoren gebrannt, die liefen ja immer full throttle, oder zu viele davon sind ausgegangen, dann mußten sie das früher lernen... mit dem Springen. Schlimmer war das, wenn die Leute im Cockpit zu hoch gestiegen sind, wenn das kerosene langsam weniger geworden ist. Da wird die Luft zu dünn zum atmen. Das konnte passieren, wenn alle jets noch gut funktioniert haben. Selber haben die das nicht gemerkt, weil ohne Sauerstoff so hoch sein macht die high... kein Spiel mit den Worten. Die, die bis hier gekommen sind, die sind dann bei den Städten runtergesprungen, vorher haben sie eine große Klappe ganz hinten fallengelassen, dann haben sich alle mit ihrem Seil am Fallschirm an ein Rohr angehängt, und sind hinten raus gelaufen. Dann hat das Seil den ausgelöst, meistens. Und die Flugzeuge sind dann dahinter runtergefallen, wenn die Piloten rausgesprungen waren als letzte. So gut zweitausend von den Dingern haben das geschafft. Da lagen dann viele mit kaputten Beinen im Buschfeld, aber da waren wir schon einiges gewöhnt, das ging dann irgendwie schon gut aus.«

Peter schauderte sich laufend in der letzten Reihe, die anderen verstehen das jetzt auch zunehmend.

»Währenddessen hat es bei denen zu Hause Ärger gegeben, weil immer mehr Plätze wollten, aber die erstmal nur Bauarbeiter genommen haben. Das konnten sie nicht mehr anders machen, weil sie vorher gesagt hatten, daß hier die Häfen und airports zu klein sind für so viel Verkehr. Da hat sie dann endlich die eigene Lüge gebissen. Und irgendwann zu der Zeit ist da auch aus den business-Städten bekannt geworden, daß das hier nicht so Friede, Freude, Eierkuchen geht. Und das wir das garnicht so gerne haben. Es gab ja immer mehr Kampf um die Güter hier. Nicht richtig Krieg, aber eben Prügelei, und so. Da dachten sich die, schaffen wir einfach die Regierung da ab, und dann richten sich schon irgendwann alle nach unserer Regierung. So ging das bei denen immer. Später haben die Leute da sich auch daran erinnert und es nochmal gemacht mit denen selber. Aber später erst. Jetzt erstmal, da haben sie ja noch die Macht gehalten, und das haben sie nicht gerafft, das es in anderen Ländern andere Sitten gibt. Arrogance und ignorance, das kommt vor dem Fall... In einige von den Flugzeugen haben sie dann jeweils so knapp tausend paras gesteckt, und die ersten, die sind hier auf die Stadt gesprungen und haben President Kessler und Secretary Gupta, und fast alle von der Regierung ermordet, die den Vertrag mit ihnen gemacht hatten. Das war dann so richtig verkehrt. .. Der .. große Fehler. Nur den vice president, den haben sie nämlich nicht gefunden. Weil für die sahen alle Buschfeld-Leute gleich aus. So wie die selber für uns alle hier, damals. ... Beruhte auf Gegenseitigkeit. Dann kam ein normales Flugzeug am alten airport an, und da haben sie uns gleich 'ne ganze Regierung geschenkt. Die haben sich benommen wie der viceroy von sonstwo hier. Wenn ihr alte movies kennen würdet... Indiana Jones... die hätten in denen euren accent gehabt. Aber wir haben besser gekämpft wie die Weiber... hehe.«

Mir war nicht ganz klar, was sie mit 'accent' meinte, Monique kratzte sich schweigend am Kopf und Peter wischte sich stille Lachtränen aus den Augenwinkeln. Er lachte wohl als einziger in diesem Theater.

»Daß Joshua Mewenge irgendwann der erste president aus dem Buschfeld wird, haben vorher schon viele gedacht, aber daß es so plötzlich ist, sicher nicht. Aber er war dann das erste mal, daß wir richtig Glück hatten. Kessler hat die richtige Vorarbeit gemacht, alles gutes Krisenmanagement von die ganzen Details, aber Mewenge hatte die richtige Idee. Denn der kam aus dem Buschfeld und da sind die Leute gewohnt, weit zu kommen mit wenig, und so weit sehen sie auch voraus. Das, was geholfen hat, als wir eigentlich allein waren auf der Welt, wegen dem Embargo, allein mit ein paar zehn Millionen hungrigen Leuten, die sich hier nicht zurechtfanden, ein paar tausend paras... so Elitesoldaten eben, die erstmal auf alles gerschossen haben, das sich bewegt, ...das waren ja viel mehr als wir je selber army hatten,... das war eigentlich seine Idee. Waffen gab's ja fast keine hier. Nur die army, und Jäger mit Lizenz, und ein paar Farmer, die hatten noch illegal granny's shotgun... so heißt das hier. Bissigere Tiere als große wilde Hunde haben wir nämlich auch nicht. ... Er hat es einfach gesehen... und gemacht, nur mit dem, was wir alle hatten. Also, erstmal hat er es den Leuten hier das Leben leichter gemacht, die früher mal aus dem Land schon hierher gekommen waren. Die hatten ja immer mehr ein Problem damit, wo ihre Eltern oder Großeltern mal hergekommen waren. So... oh, sorry, ich wußte nicht, daß Du schon länger hier lebst. Du siehst halt aus wie eben vom Himmel gefallen... Jetzt waren die nützlich, und da waren alle wieder nett zu denen. Die älteren, die konnten ja übersetzen, und die jüngeren sprechen ja auch immer noch ein paar Worte oder kennen wenigstens die Manieren. Nicht, daß das gegen machine guns hilft, aber wenigstens konnten sie es den normalen Leuten von da... etwas sanfter beibringen. Das ging dann... langsam, aber.... hm, ja die waren natürlich ziemlich enttäuscht, erstmal. Das war ja dann erstmal wieder nichts mit neue Heimat. Aber ein Teil von denen ist auch mit den Soldaten plündern gegangen... die waren eben die Stärkeren, da läuft man gerne mit. So viel war nicht mehr da zum holen, und so war das, daß wir nichts mehr hatten, eben auch was, was wir hatten. Die meisten hier sind mit den Buschfeld-Leuten in die Wildnis gegangen, vor allem die kranken und alten Leute und Kinder, und auch 'ne Menge von den .. neu angekommenen. Weit verteilt, denn da gibt es ja nicht viel zu essen und kaum Wasser. Jedenfalls nicht genug für große platoons von den Soldaten, die ...ein bißchen anspruchsvoll geworden sind in der Stadt. Also konnten sich Mewenges eigene Leute, die Buschfeld-Leute auch nützlich machen und den anderen beibringen, wie man hier eigentlich lebt... länger lebt.. überlebt, genau. Wird ja auch Zeit, so nach ein paar hundert Jahren, daß man das mal lernt. Naja, und die Jugendlichen, die so alt waren wie ich, wir waren schon ziemlich... nuts ...durchgeknallt. Hat ja keiner mehr aufgepaßt auf uns. ... Da sind wir alle auf Ideen gekommen. So richtig coole, gute dumme Gedanken... Und das war auch was, das wir hatten. Chaos. Damit haben wir sie gekriegt. Soldaten hassen chaos. Denn ...pissed off ...sauer waren wir ja alle, und Joshua... hat nur gesagt... paßt gut auf euch selbst auf, hört gut auf die alten Leute, und ich will euch alle gesund wiedersehen. Und er hat jeden, der das kann ermutigt, allen Leuten die das wollen wenigstens Verteidigung zu ...martial arts ...Selbstverteidigung beizubringen, damit das auch klappt mit dem selber aufpassen. Das war guuut! ... Wißt ihr, da denkt man, Leute, die aus dem Land kommen, die können das alle schon bevor sie krabbeln können. Na, die waren alle genau so Reisbauern und hatten keine Ahnung, so wie unsere dads vorher ..desk driver... Büroleute waren, und keine Ahnung hatten. Und die Soldaten, die haben an ihre firepower geglaubt, aber die hatten ja auch irgendwann mal ihr ganzes Pulver verschossen. Wir hatten ja nur das, was wir ...oder ihre eigenen Leute bei denen geklaut hatten. Und hier reiten viele. Also gibt es viele ..blacksmiths... Hufschmiede. Jedes Dorf hat einen, und die Farmer machen viel selbst... do it yourself... Naja, Gewehre, die kann der reparieren. Selber machen... das ist was anderes. Aber da sind dann diese totalen freaks gekommen, die Leute, die schon immer am weekend ins Buschfeld gegangen sind, weil sie vom office job die Nase gestrichen oder gehäuft voll hatten, oder so. Das heißt live action role play, was die gemacht haben. Die haben da für zwei, drei Tage alles vergessen über das richtige Leben und haben Krieg gespielt auf conventions. So medieval style... fantasy... oder Gallier und Römer... oder Xena und die persians...«

Ich überlegte, ob das eine Freundin von ihr war, da sie sie schonmal erwähnt hatte, aber dann wüßte ich nicht, wo hier Perser herkommen sollten. Katzen vielleicht?

»...immer zwei oder mehr teams gegeneinander, so wie maneouvres bei der army, nur in antiken Klamotten. .. Die .. wußten richtig, wie das geht. Und die wissen auch wie man .. das .. macht, und wie das geht.« Sie stubste an ihren Schwertknauf. »Und das geht gut. Sehr gut sogar. Mußt nur viel üben, und wir hatten ja sonst nix vor außer Essen suchen... Das war sogar legal... ich meine, ich konnte mich zwar nicht mehr so genau daran erinnern, wie das geschrieben wird, legal, aber... machetes braucht man halt im Buschfeld. Da hat keiner daran gedacht zu sagen, machetes zu Pflugscharen, die verbieten wir jetzt mit einem schönen Gesetz, das sowieso nur für die Leute gilt, die sich dran halten...« Man merkte ihr an, daß ab hier die Geschichte für sie richtig interessant wurde. »Und jetzt stellt euch mal vor... da kommen so .. ein Dutzend profi Soldaten, die bewegen sich langsam und kontrolliert vor, immer gucken ... sichern... schleichen... ein bißchen weiter, und die sind auch schon ein bißchen hungrig und durstig, weil sie zu lange im Buschfeld sind, und nicht zu Hause da sind. Keine provisions und fast keine ammunition mehr. Camping weit draußen in Indianerland. ... Plötzlich fangen die Büsche an zu leben und hundert chaos kids hiermit...« Sie zeigte wieder auf den Knauf neben ihrer Schulter, »...kommen und schreien und sind richtig sauer... ich sage nur... vergeßt bayonets ...und sind wieder weg mit allem was sie schnappen können. Ein, zwei Minuten höchstens. Und das dann jede Nacht... ein paar mal. Die schlafen, essen, trinken nicht mehr viel. Wir wissen, wie man sich essen, trinken und schlafen besorgt. ... Das gehört jetzt sogar zur Schule hier, survival training... lernen, wie man in der Natur lebt, genau so wie martial arts ohne ..Brotmesser.. und exchange programmes... also, jeder der die graduation jetzt macht, seit ein paar Jahren, die waren alle mindestens ein Jahr in einem anderen Land, oder verschiedenen. Das fängt an in elementary school, da geht es erstmal hier in einen Ort möglichst weit weg von zu Hause und mit andere traditions, ein paar Wochen alle zusammen, und später auch alle zusammen ein paar Wochen in ein anderes Land, dann noch später drei Monate alleine in Familien hier, und in high school ein Jahr alleine ganz weit weg. Ist richtig gut. ... Na, also wir haben es damals auch so gelernt mit survival und so, und haben die das gezeigt, daß wir besser sind. Die sind ganz schnell ganz lieb geworden. Weil, wir sind hier alle zu Hause und ... wir sind fies. ...« Sie machte eine kurze Pause, und holte tief Luft. »Das war der Spruch von einem Freund von mir, damals. Er ist als erster gestorben. Das war ... ... hart. Aber wir waren frei, und wir haben nur genau das gemacht, was wir wollten, und das war sogar das, was alle wollten... und das war der Preis... dann wußten wir, weshalb... und wofür. Und ab da haben wir nie mehr aufgegeben und nie mehr kapituliert. Alle waren mal verletzt oder krank, aber wir sind immer besser geworden, und zum Schluß ist fast nie jemand ... schwer verletzt worden. Das war die Idee... 'paßt gut auf euch auf' hat Joshua gesagt, und das haben wir gemacht. ... Denen haben sie gesagt, sie sollen bis zum letzten Mann kämpfen. Das haben die auch erstmal gemacht... Für die, die noch länger da dran geglaubt haben, hat das dann auch gestimmt. Aber das waren immer weniger. ... Nach einem Jahr, so etwa, war das alles vorbei. ... Nja, und ich schätze, Joshua mußte dann irgendwas mit uns anfangen... mit uns allen, weil der Rest der Welt wollte uns ja nicht... Alle Kohle schaufeln schicken macht schon ein bißchen Sinn wegen dem Embargo, ist aber doof. Und... In einem Interview hat er mal gesagt, wenn da alles rocket scientists vom Himmel gefallen wären, dann hätter er sie eben losgeschickt, mal nachzusehen, ob die Fahnen von den Gringos noch da auf dem Mond stehen, aber es waren eben zufällig Bauarbeiter und ein paar army pioneers. Also haben die einen angefangen mit Reis machen und die anderen mit Häuser und Straßen und maglev bauen, und noch welche haben sich ausgedacht, wie das auch ohne Kohle geht, oder das hier eben... Jeder macht was, das auch für die anderen ein bißchen gut ist. Und das ist eigentlich das, was alle hier hatten. Irgendwie. Wer so weit über den Ozean kommt, vor zehntausenden Jahren wie Joshuas Leute oder jetzt die neuen Leute, es hier ein paar Jahre mit all den anderen Spinnern aushält ohne sie zu verprügeln und dann zusammen was gutes draus macht... da sagt man hier, die Leute haben... pioneergeist ... da gibt's kein deutsches Wort für, glaub' ich.«

»Das ist eins.« bemerkte der Prof leise aus der letzten Reihe.

Nina wischte sich die wilde Strähne aus dem Gesicht und antwortete leicht überrascht »Oh, hätt' ich echt nicht gedacht...«

Was den Prof dazu brachte, kichernd »Nee, ich ehrlich auch nicht.« zurückzugeben.

»...dann gibt's also noch eins außer Buschfeld, kindergarten, and zeitgeist hier. Also alles noch besser für euch... we are easy... damit sind wir am Eingang des Turms angelangt. ... Hereinspaziert... bitteschön.«

Das Foyer im massigen Fundament des Turmes machte einen luftigen Eindruck von innen her. Die ganze Konstruktion schien mehr auf am Außenumfang stehenden Säulen zu ruhen, und wohl auch auf einigen Aufzugsschächten, die näher zur Mitte des halbkugelförmigen Raumes wie große Säulen frei bis zur Decke standen. Auch vor jeder Säule am Außenrund kaschierten einige Aufzugtüren die Masse des Betons. Die Decke war bei näherem Hinsehen eine übereinander angeordnete, von innen gehöhlte Schichttorte aus balkonähnlichen Flurgängen, die nach innen wiesen, so wie in einigen sehr großen Hotels. Knapp bis in ein Viertel der Höhe war die Außenwand verglast, so daß man zwischen den tragenden Säulen nach außen sehen konnte. Hierdurch und mit den vielen Pflanzen und kleineren Pavillions, ähnlich wie Strandbuden oder Marktstände, aber im Stil einer guten Hotel-Lobby, ergab sich aber so garnicht der wuchtige Eindruck, den die Mauern von außen vorgaben. Vor dem Eingang nach oben zu sehen, was wegen der Glasüberdachung der sechs breiten Eingänge ging, war geradezu schwindelerregend, wegen der Höhe und betontönigen Uniformität der Außenseite, die die mehr als baumhohen Fensterwände klein erschienen ließ. Innen bemerkte man die Ausmaße dagegen erst auf den dritten Blick. Das pure Gegenteil einer christlichen Kathedrale, nicht gebaut, um die Gläubigen mit Größe zu erdrücken, sondern um den Menschen mit Größe Platz zu geben. Wir gingen ein gutes Stück in die locker gefüllte Fläche aus luftigem Grün, Stellwänden und Ständen hinein. Nina machte einer Kollegin an einem der Stände ein paar Zeichen mit der Hand, die wie eine Mischung aus der Zeichensprache der Börsenhändler und der stillen Kommandogesten von Soldaten wirkten.

»So... Sie macht jetzt was fertig, dann müssen wir ... müsst .. ihr .. gleich nicht warten. Service des Hauses. ... Wenn das hier so aussieht wie ein riesiges Hotel, dann ist das Zufall. Es sind nämlich mehrere hier. Und jede Menge andere Geschäfte und Firmen und sowas, und auch viele ganz normale Wohnungen. Das da über euch ist nämlich eine der längsten Fußgängerzonen der Welt. Der ganze Gang fängt in dreißig Metern Höhe an, und läuft dann so lange um die Kugel... hier drin, den Raum kann man sich wie eine leere Halbkugel vorstellen... so lange, bis er oben endet, und zwar in einer Glasplatte. Da kann man dann auf die eigenen Schuhe gucken, und gleichzeitig auf die Köpfe von den Leuten, die da in der Mitte auf dem kleinen Platz sitzen, so zweihundertundfünfzig Meter tiefer. ... Das ist immer ein bißchen .. kribbelig, da zu stehen. Deshalb machen wir das auch nicht ... gleich, sondern etwas später. Man muß aber nicht immer x-mal im Kreis laufen, wenn man oben zu tun hat, denn alle Lagen sind von Treppen verbunden, immer da in den Sektoren über den großen Fenstern. Die gehen so ähnlich oben weiter. Ein bißchen könnt ihr euch den ganzen Turm vorstellen wie kleine skyscraper, die innen an dem Rahmen vom Turm aufgehängt sind, und die radialen Gänge sind wie schöne, weite Straßen, wo das Licht auch nach innen reinkommt. Das geht, weil die nach außen breiter werden. Nur sind sie übereinander, auf jeder Etage gibt es eine Tür zur Straße. Und da hinten geht die Treppe zur untersten Straße hoch.« Sie deutete auf eine helle, sehr breite Konstruktion, die sich vor mehreren Fensterwänden diagonal zum Beginn der Gangspirale erhob. »Treppen gibt es hier sehr viele, weil Bewegung ist gesund. ... ... Und für alle, die jetzt schon angefangen haben mit Schwitzen, es gibt auch fast so viele lifts. Hier kann man übrigens die meisten ganz großen Tempel und Kirchen auf der Welt locker reinstellen und könnte sie sich mal von allen Seiten im trockenen ansehen. ... Deshalb ist ein smarter designer auch auf die Idee gekommen, weil wir sowas nicht haben hier, dann stellen wie eben das ganze Land rein. Und das ist da vorne bei Isabella, die besuchen wir jetzt mal.« Neben dem Stand, zu dem sie eben gewunken hatte, standen eine Menge interaktiver Stellwände mit Bildern der unverwechselbaren Küstenlinie der Insel.. oder des Kontinents, ganz nach Geschmack. Wir gingen bis zur Mitte der Ausstellung, die mit einigen einheimischen Pflanzen aufgelockert war. »Also, hier gibt es einen Film, den jeder selber machen kann. Auf jedem von diesen Bildschirmen, nur den plot könnt ihr euch nicht aussuchen, das ist immer ...starring das ganze Land ... as itself. Aber erstmal gibt euch Isabella jedem ein souvenir.«

Isabella kam angeflitzt mit einem Stapel Faltblätter. Ihr eng gelockter, weiter Afro vibrierte mit jedem Schritt, und schließlich begrüßte sie uns mit einem breiten Lachen und ein bißchen nervös. »Hi everybody... Ahm, ... Ik sprecke swar gein Deutsch, abe dafur kann isch bunte Bilders maken. ... I've no idea what it means, she taught me that. It's all her fault. ... Get one, everybody.«

Alle waren begeistert und ihre Nervosität verschwand mit einem noch herzlicheren Lachen, während sie die Exemplare verteilte und sich dann neben Nina stellte. Beide gaben ein echtes optisches Kontrastprogramm ab, als sie, bald einen Kopf größer, Nina ihre kräftige dunkle Hand lässig über und den linken Unterarm auf die Schulter legte. Isabella wäre irgendwo in einer großen, modernen westafrikanischen Stadt sicherlich nicht durch ihre Kleidung aufgefallen, hätte aber wohl trotzdem die Blicke auf sich gezogen. Ihr erdbraunes, dezent in naturfarben gemustertes wallendes Gewand wogte ihr losgelöst und schwungvoll hinterher, fast wie ein Windhauch, der vom letzten Sandsturm vergessen wurde. Es war in vielen dichten Schwüngen um sie geschlungen und ließ nur den linken Arm bis zur Schulter frei, während der rechte wie von einer Toga teilweise verdeckt blieb. Den stemmte sie jetzt resolut in die Hüfte, so daß nur noch die Hand zu sehen war. Nina stellte sich in ihre gewohnt lässige Pausenstellung, die Arme übereinander geschlagen, und sah sie kurz auffordernd an.

»I hope you understand some English...«

Die Runde nickte, teils zögerlich, teils sehr zögerlich.

»Welcome everybody, first of all. ... Well, li'l Neena here and I go back a long, long time... Most of which was spent out in the bushfeld in less favourable conditions... and a lot less fashionable clothes. ...well,... crazy times... lots of dirt... sleeping rough... lots more dirt... just us and a threescore o' crazy mad kids .. just like us. Guess she told you 'bout that. ... I know she told you, 'cause things don' really change. She's been whizzing 'round like a li'l .. blonde .. tornado on a caffeine flash all the time then, folded those guys into neat handy packages first and then did all the talking. ... And when they wouldn't talk as much as she'd please... there was big mean mama Isabel' and her trusty ol'...« Sie lüftete in einer kurzen Kunstpause mit der rechten und einem kurzen Ruck einen der Schwünge ihres Gewandes, worauf ein zweihändiger Griff zum Vorschein kam, dessen Klinge in einiger Breite wohl fast bis zum Boden reichen mußte, um halbwegs passend proportioniert zu sein. Wahrscheinlich war in den schlechten alten Zeiten etwas weniger Glitter und falscher Perlenbesatz dran, aber letzterer fügte sich nun gut in die Farben des Gewandes ein. »...sidekick. Just totally innocently standing there like this... and then they'd talk. ... Don' let that scare you.« Sie amüsierte sich an den unwillkürlichen Reaktionen, die sie wohl von früher aus deutlich geschundeneren und verschwitzteren Gesichtern in Johannes' mißlicher Position von vorhin kannte. »An' when it was all over... we don't see us for.. like eight years, and then, 'bout a year ago, we meet right here. ... Big party, you guessed it. An' what'd I say? Nothing changes. I've got a real job like back then ...just standing around and showing off... NGS pictures, this time, and she's still doing all the running... with you guys... an' all the talkytalky university stuff. Good to know some things don' change all .. too .. much. But all for the better. ... An' that's why I have to leave you folks now, 'cause I've got a real job to do for all the other tourists. ... Just be nice to Neena, or big mean mama 's gonna come in the dark of night to get ya... That's a special production, es..pecially talkative production on my part... just for you guys, an' li'l Neena here... See ya. Cheers... oh,... beer later, Neena?« Sie winkte in die Runde und schwebte wieder zu ihrem Stand, wo sich schon eine gewisse Schlange gebildet hatte.

Nina übernahm wieder, aber drehte sich erst nochmal um, um ihrer Freundin nachzuwinken. »I'm gonna give you li'l Neena in a minute... you jus' wait, mean mama bella... cheers... yup, sure. ... Es gibt vom National Geophysical Survey ein Archiv, wo alle Bilder aus der Luft und aus dem Weltraum drin sind, und allen neuen kommen immer dazu. Und hier kann man die mischen, laufen lassen, die Farben zu den einzelnen Bildern sortieren... so falsche Farben... und rein und raus zoomen. Auf jedem von den Bildschirmen. Ahm... die von Wettersatelliten, die kommen öfters, aber sind etwas mehr pixelated, wenn man sie genauer ansieht, und die genaueren, da muß man wissen wenn sie kommen. ... Dreht die mal um, die von Isabella.«

Auf der Vorderseite der Faltblätter war der Turm, in abendlicher Stimmung, und wohl von einem Flugzeug aus photographiert, das etwa in Höhe der Spitze flog. Über dem roten Dämmerungshimmel war der Amboß eines Gewitters, das dunkel rechts neben dem Bauwerk stand und es um das doppelte überragte. Aus den hohen Schleierwolken, die dem wild aufquellenden Sturm in der Höhe vorangingen, zog sich ein greller, verästelter Blitz bis zur obersten Spitze des Turms. Zur linken schimmerte im Tal die Stadt friedlich mit ihren Lichtern auf dem schon dunklen Boden. Er wirkte fast klein auf der Aufnahme, der Gigant in dessen Füßen wir standen. Auf der Rückseite stand groß 'I was here and free' über einem ziemlich pixeligen Bild. Das 'I' war auf den zweiten Blick eine Schrägansicht des Galgens als Silhouette, mit der etwas abgesetzten Schlinge im Vordergrund, die sich sauber in die Typographie einfügte. Ich brauchte einen Moment, bis ich kapierte, daß es wir alle waren, die etwas ratlos vorhin auf dem Platz nach oben blickten. Die Gesichter waren zwar nur als gelblichbraune Kleckse in den zum Teil farbigen, diffusen Umrahmungen der Kleidung auf den Schultern zu erkennen, aber unser Halbkreis um Nina war deutlich auszumachen, sogar die Ritzen zwischen den Steinplatten und ihr sonnenglänzender Schwertknauf zeigten sich als diffuse diagonale Verdunkelungen und ein hellgelber Punkt im weichen Quadratraster der scharfgerechneten Pixel von vielleicht zwölf oder fünfzehn Zentimetern Auflösung. Unten stand außer dem NGS-Logo noch die Uhrzeit, geographische Breite und Länge der Mitte und Abmessungen der Seiten der Aufnahme, einige Orbitaldaten und 'via ESPACE Group, Space Division Bremerhaven - GEOSCIS IIIa/27 (HRATSR - MSTRIM - CXSAR)'. Das Ding meinte sie also mit der Kamera. Immerhin, unter dem großen Bild und neben dem Text waren noch zwei kleine Insets. Eins im Infraroten, das uns als helle Kleckse auf den dunklen, kalten Platten zeigte und eine Radaraufnahme in schräger 3D-Ansicht, in der unser Haufen als vage Gittersilhouette zu sehen war, mit Nina als Pin daneben. »Ihr könnt ja vielleicht dranschreiben, wer wer ist. Erkennen kann man das ja nicht so direkt, außer bei mir und Peter, natürlich. ... blinkblink.. hehe.« Stimmt, sein Mecki teilte sauber ein Pixel aus einem Zweier-Quadrat. Hatte ich garnicht bemerkt. »Hat Isabella wieder prima auf den Auslöser gedrückt... nein, quatsch. Man muß halt genau wissen, wann der satellite pass ist. Die nehmen das hier als ...calibration area, deshalb wird es jedesmal scanned, mit allen sensors ...along track, wenn einer von den satellites vorbeifliegt. Etwas abseits von dem großen Platz, da sind auf einem Dach so Farbfelder, aus Naturpigmenten für alle von den Farben, auch die, die man nicht sehen kann, die nicht bleich werden und genau vermessene Metallteile für das Radar. Damit kann man irgendwie die Luft wegrechnen aus den Bildern. Die kann man von oben sehen, auch vom Turm, natürlich. ... Die Regierung.. der NGS kauft von jedem Bild, das hier über dem Land oder dem Meer in der Nähe gemacht wird einen Anteil, damit es öffentlich gemacht werden kann. Benutzt fast jeder, der irgendwas mit Karten oder Land oder farming zu tun hat, weil das viel besser ist als ein Atlas. Das stimmt immer und ist so aktuell wie es geht. Und man kann sehen, wie sich Sachen ändern über die Zeit und wie es wirklich ist. Da kommt man auch nicht so schnell auf dumme Ideen, wie wenn man nur den Schulatlas liest... Es gibt auch ein paar vorbereitete sequences, da könnt ihr sehen, wie die Schiffe damals an die Küste sind, wie die Leute auf der Wanderung alles grüne gegessen haben, oder die Baustelle hier, wie die sich geändert hat. Und wie hier rice paddies in ein paar Gegenden modern geworden sind, oder wie der Kohle..bergbau im Norden immer weniger wird und die solaren Sachen wachsen. ... Also, viel Spaß, und wenn ihr ein Bild oder eine sequence haben wollt, die gibt es für ein paar pennies bei Isabella da vorne, auf DataDisc, oder Papier, auch als kleines Buch, so zum schnellen durchblättern, wie Trickfilm. Die sind aber etwas teuer, und dauern länger zu machen. ... Das können wir sammeln, und sie bringt sie dann alles mit zum dinner. Merkt euch die Nummer von dem Bildschirmständer und tippt eins-zwei-drei vor euren bei name ein, dann sortiert sie die raus und macht sie später fertig. In einer Stunde oder wenn ihr vorher keine Lust mehr habt, dann gehen wir los für die letzte Sache anzusehen. Und danach ist... Mampf!«

Selten ging eine Stunde so schnell vorbei wie beim Betrachten und spielen mit den Blicken aus der Perspektive, die vor mehr als hundert Jahren noch den Göttern vorbehalten war. Die Kombination von Überblick und Detailreichtum, die sich auf den flachen und dünnen Stellmonitoren abzeichnete, war einfach unglaublich. Mit der Nase am Leuchtplastik konnte man einzelne Personen in einer Momentaufnahme des geschäftigen Treibens in den Städten ausmachen, und wenn man nur zwei Schritte zurücktrat, sah man im gleichen Bild, mit Hilfe der vielen der einzelnen Bilder oder gewissen Bereichen im allgemeinen beigefügten Erläuterungen, wie die unermeßlich langsame Wanderung der Plattentektonik das weite Land mit ihren Falten, Brüchen und Verschiebungen gleich mehrfach durchmessen und geformt hatte. Sogar der Meeresboden konnte eingeblendet werden, der im Lichte des Schalls klar und fein gezeichnet erschien. Mit Sonar in der Tiefe und in seinem Schwere-Abdruck an der Meeresoberfläche durch Mikrowellen vermessen zeigte er erst das Spiel der Erde in seiner ganzen Vielfalt, dessen fahle Schatten sich in den trockenen Grafiken der Lehrbücher wiederfinden. Nina wanderte von Schirm zu Schirm so lange Isabella beschäftigt war, gab einige Tips, um dann wieder smalltalk an der Theke bei ihrer Freundin zu halten, bis andere Touristen ihre Wünsche vorbrachten. Der Hit waren die Schlachtfelder der Vergangenheit, kleine Kleckse flachgetrampelten Bodens im gleichförmigen Buschfeld, die man wohl fast nur mit guter Kenntnis von Zeit und Ort wiederfinden konnte.

Eine sehr reichliche Stunde später manövrierte Nina uns alle »Jetzt aber schnell!« in einen der säulenhaften Fahrstühle in der Mitte des Saales. Ich bin mir ziemlich sicher, hier das erste mal Fahrstühle mit Fahrplantafeln so wie an einem großen Bahnhof gesehen zu haben. Wobei beide zusammengehörten und nicht nur nahe beieinander standen. »Jetzt gibt es gleich ein bißchen Druck auf den Ohren und ein bißchen Blick auf die Augen.« Nach ihrem trockenen Kommentar zog der Fahrstuhl an, und tat dies eine ganze Weile, bis er schließlich aus dem großen Zylinder des Turmes hervorschoß und die bisher nutzlosen Glaswände sich in einem Schacht gleichen Materials als mehr als ein Design-Trick zum bewundern der blanken, gebürsteten rostfreien Stahlinnenwände der unteren Schächte erwiesen. Nun konnte man von oben in den großen Zylinder sehen, in dem sich eine runde Kleinstadt aus Hochhäusern zeigte, die in mehreren Ringen und Speichen umliefen und auf ihren Dächern von parkähnlichen Grünflächen eingerahmte Sportanlagen und einige Helipads hatten. »Das ist eine ganz normale Stadt, ein bißchen mehr wie bei euch, statt wie wir es so gewohnt waren. Sie steht nur in der Luft auf einer großen Scheibe. Die wollte man zwischen den Häusern erst ...durchsichtig.. offen nach unten machen, das ging aber wegen der Statik nicht. Aber schätzt mal, wo die teuersten Wohnungen sind?« Die meisten tippten auf die Dachetage. »Nein, nicht ganz oben, sondern ganz unten... unten drunter. Da hängen noch ein paar Etagen unter der großen Tragscheibe. Die ganz außen und ganz unten, da ist die Warteliste am längsten. Da wo nix unter dem Balkon und dem Fußboden mehr ist.«

Monique trat unwillkürlich etwas von der Aussichtsfront zurück. Patrick grübelte dagegen über praktisches, während der Blick immer tiefer in die Plätze zwischen den schmalen Hausringen glitt. »Wie kriegen die denn ihre Möbel da hin?«

»Ganz einfach. Mit dem lift. ... Es gibt welche für Leute wie hier, und dann gibt es ein paar, da kann man unterirdisch einen trailer ganz reinfahren. Bis einhundert tons, also auch die von road trains. Oder containers. Und der wird dann abgehängt von dem truck vorne und hochgehoben. Mehrere gehen bis auf die große Scheibe, und dann ist es wie in einem ganz normalen Haus. Einer geht bis rauf in zweitausendfünfhundert Meter, hier mitten drin in der Nadel, in dem service Bereich.«

»Und da drüber?« beharrte Patrick weiter.

»Da ist nur noch ein dreifacher Aufzug, in den steigen wir gleich. Da drüber sind keine Räume mehr, nur in der Spitze, und es ist alles pressurized, damit auch Kinder und ganz alte Leute genug Luft bekommen.«

»Ist das nicht etwas riskant, wenn die doch mal rauszischt, die Luft... vor allem da ganz oben!« wurde es Monique etwas mulmig bei dem Gedanken, japsend auf einer kilometerhohen Stahlnadel zu enden.

»Naja, wie im Flugzeug. Dann fallen Sauerstoffmasken aus der Decke, und dann geht man gemütlich nach Hause. Ihr seid doch geflogen, da ward ihr ja immerhin zwei Stunden unterwegs hierher von zu Hause, und das meiste doch über fünfundvierzig Kilometer hoch... hier, das sind ja nur etwa sieben über dem Meer, und so hoch waren Flugzeuge schon vor hundert Jahren, oder?« Amüsierte sich Nina über die architektonischen Bedenken gelernter, oder besser lernender Flugzeugbauerinnen. »Und sogar auf dem Mount Everest war schon jemand ganz ohne daß ihm 'ne Sauerstoffmaske auf den Kopf gefallen ist. Na gut, der hat da komische Wookies gesehen, aber... überlebt hat er's wohl gesund. Muß er schon vorher gewesen sein, das sind fast zweitausend Meter mehr als hier. Also, hier jedenfalls gibt es immer so viel Luft wie im Flugzeug auch.«

Die Tür öffnete sich nach innen. Wegweiser wiesen den Weg zur höchsten offenen Aussichtsplattform und zur höchsten überhaupt. Denen folgten wir, oder eher Nina, die nicht nach ihnen sehen brauchte. Die tiefe Sonne tauchte die Landschaft außerhalb des verglasten Ganges in ein warmes Licht. Weit draußen über dem Meer waren einige hoch aufgetürmte Wolken zu sehen, deren unteres Ende im Dunst versank. Der Durchmesser der Nadel war hier schon merklich kleiner und in ihrer Mitte stiegen wir in einen der drei Fahrstühle, die nur einen weiteren Halt hatten. Zwei Tasten mit Pfeilen nach oben und unten waren auf dem Bedienfeld neben einem Schloß und den Notfallschaltern.

Nina drückte oben. »Das ist das längste und langweiligste Stockwerk der Welt, Leute. Fünf Minuten beschleunigen, fünf Minuten bremsen... Wenn's hopst, ist es die Hälfte.«

Die geschlossene Kabine schloß auch wohl die Münder, jedenfalls sprach kaum einer auf dem Weg nach oben. Vielleicht lag es auch an der bunt gekleideten Gruppe fernöstlicher Touristen, die die Kabine mit geschäftigem Schnattern füllten und die Gelegenheit für Erinnerungsbilder von der Erklimmung eben dieses Stockwerks nutzten. Es hopste sanft, und alle fühlten sich mit einem Schlag deutlich leichter, wenigstens bis sich oben die normale Last auf den Gelenken wieder einstellte. Der Fahrstuhl endete in einer riesigen Glaskabine, die ein Stahlrahmengerüst umkleidete. Die Ausstattung war hier deutlich spartanischer als im Erdgeschoß, aber immer noch solide und ansprechend einfach. Die planen Glasfenster von je etwa fünf Metern Höhe und dreien Breite waren in je einer knapp fünfundvierzig Grad nach oben und unten geneigten kegeligen Fläche und einem senkrechten Zylinder zwischen beiden angeordnet. An den unteren Rändern der Segmente war jeweils ein Rundgang aus engmaschigen stählernen Trittgittern. Der obere Rundgang hatte ein Geländer auch nach außen, da er etwas von den Scheiben bis auf Stehhöhe zurückgezogen war. Über ihm waren noch fast horizontal liegende Deckenfenster eingesetzt, die einen weiteren, wenn auch nicht ganz so breiten Ring bildeten. Der Fahrstuhl hatte seine Türen auf der Höhe des mittleren Ganges an den senkrechten Scheiben und auf der Plattform die ihn umgab waren die unvermeidlichen Stehcafes und Imbisse, sowie ein Photo- und Teleskopladen mit Verleih. Über dem Fahrstuhlschacht war eine Wendeltreppe, die an einer Art Druckschleuse an der Decke endete.

»Oben auf dem Dach sind einige Meßinstrumente und ein hundert-inch-telescope von der Universitätssternwarte hier, alles automatisch, die Sterngucker arbeiten im Sessel da unten... irgendwo... bei künstlichem Licht. Die Spitze... die kann man gerade so sehen von der Seite auf dem oberen Gang, das ist ein Blitzfänger. Da ist ein Laser drin, der die Luft ein paar Kilometer weit nach oben plötzlich elektrisch leitend machen kann. Damit kann man dann die Höhe des Turms verdoppeln, so wie auf dem photo. ... Teamwork Natur und Technik... das hat übrigens ein Nachbar von mir gemacht, und ein paar gute Preise gewonnen. Der arbeitet jetzt nicht mehr zum Studieren... Aber ich war mit ihm ein paar mal hier oben, er hat ein lange Zeit Projekt, wo er das Wetter hier um den Turm dokumentiert... so Zeitrafferfilm, und so was. Das beste war mal ein Gewitter, das haben wir hier her ziehen gesehen, und alles gefilmt... das ist was... monumental. Man kann es schon Stunden vorher sehen, und es kommt... und es kommt... und man denkt, jetzt sind es nur ein paar Minuten... und es kommt immer noch näher... unten verschwinden schon die Sachen in kleinen Wolken... und es kommt immer noch... wie eine Dampfwalze in ..idle, first gear... so langsam wie es geht, wenn Du mit den Füßen im Beton feststeckst. Und ...bang!... plötzlich ist es schwarz draußen, wenn Du garnicht mehr denkst, daß es überhaupt noch kommt, der Wind heult los und Du hörst wie so Fußbälle aus Eis gegen die Fenster gekickt werden. Dann merkt man auch, wie der Turm sich biegt.« Wir sind mit unserer Runde an den unteren Rundgang gelangt. Sie lehnt sich ohne zu zögern auf Zehenspitzen gegen die Fenster und stützt sich nach kurzem, freiem Vorbeugen mitten auf dem Glas mit zwei Fingerspitzen und den Daumen ab. Monique muß sich schnell festhalten vor Schreck, faßt allen Mut und tastet sich dann aber doch vor ans Glas. Patrick lehnt betont locker an der Sicherheit eines der schrägen Stahlträger, in die die Scheiben gefaßt sind und sichert sich trotzdem mit beiden Händen. Johannes und der Prof stehen mit den Händen in den Hosentaschen zehn Zentimeter vorm Abgrund. Ich frage mich unwillkürlich, wann sie einen Schritt weiter sind, und fange an, es Nina gleichzutun. Jede gesunde Faser in meinem Körper haut auf ihren Not-Aus-Alarm-Knopf, überall kribbelt es und zieht mich zurück. Zehn Kilometer oder fünfundvierzig in einem bequemen airliner sind nichts gegen zehn Meter auf einer Leiter... und diese ist fast sieben Kilometer lang. Nina schaut unbekümmert ein bißchen links und rechts. »Der Wind kommt von ... da heute.« Zeigt sie nach hinten rechts. »Wenn der nicht so stark ist, kann man es nur so sehen.« Man kann, im fast tangentialen Blick an der schlanken, kegligen Nadel in die bodenlose Tiefe. Sie stößt sich schwungvoll von der Scheibe ab und dreht sich am Rande des Abgrunds auf der Zehenspitze zum Rest. »Das wars... Genießt einfach den Sonnenuntergang ohne daß ich was erzähle, seht euch den Erdschatten an, wie er langsam nach oben kriecht, und die ..blaue Stunde, wo man jetzt die ozone layer wieder richtig sehen kann... so seit zehn Jahren geht das wieder. Und wenn der Mond aufgeht, gehen wir dann unten ins Paradise Steakhouse. Die Schilder habt ihr ja vielleicht beim Umsteigen gesehen. Da treffen wir uns, ist reserviert.«

Langsam verteilten sich alle zwischen den anderen Anwesenden. Einige wanderten umher, andere folgten der tiefroten Sonne von einen Fenster aus. Einen Sonnenuntergang auf halbem Weg zur Stratosphäre in vollkommener Stille und Ruhe zu sehen ist ein Erlebnis, das man mit Worten nur denen schildern kann, die es schon einmal selbst gesehen haben. Dann aber reichen sehr wenige. Der tiefer blaue Himmel über und um einen... Das Wandern der langen Schatten über den Boden, der wie eine greifbare, unendlich detailreiche Reliefkarte unter einem im warmen Licht des Abends liegt... Der Dunst der Atmosphäre, in deren Schichten man seitlich hineinsieht, sein Wabern und Strömen über die Zeit... Das Wolkenglühen in der Ferne über dem Ozean, wenn nur noch die höchsten Kondensationen von der untergegangenen Sonne beschienen werden... Das unvermittelte Auftauchen der Sterne über einem am samtschwarzen Himmel... Die Lichter der Großstadt in der Tiefe... und an den besonderen Tagen wie jenem das tiefrote und fahlgrüne Schimmern der Südlichter über dem Meereshorizont, das in der Ferne die Nähe des Eiskontinents andeutet und erst vom Licht des aufgehenden Mondes überstrahlt wurde. Still zogen wir zum Fahrstuhl zurück, dessen leises Fahrgeräusch nun wie ein Sturmrauschen erschien auf dem Ritt abwärts.


Das Paradise Steakhouse befand sich zwei Etagen unter der Umsteigeebene und die Zeile unter dem Schriftzug am Eingang versprach das 'top restaurant in town'. Nina hatte einen Tisch in der Nähe der Theke reserviert, der einzige, der gerade eben groß genug für uns alle war. Die Küche, so stellte sich bei Ninas Einführung heraus, war fest in deutscher Hand, da sich die Managerin vor vielen Jahren in einen Koch aus Essen verliebt hatte, der das Land nach der Lehre als Rucksacktourist einige Monate lang durchreist hatte. Die Welt ist ein Dorf und hat einen ziemlich schrägen Humor, der sich zwischenzeitlich in Gestalt von drei renitenten teenagern manifestiert hatte. Auf der Karte waren also ebensoviele einheimische wie zugewanderte Gerichte, angereichert mit Spezialitäten des Buschfelds und einiger Experimentierfreude. Ich entschied mich für ein Nackensteak nach Buschfeld-Art extra especiale. Der Prof, der sich zu meinem mäßigen Vergnügen neben mich gesetzt hatte, hatte das empfohlen, sprich, mich von der einfachen Variante mit Pommes und grünem Salat abgebracht. Stattdessen gab es Süßkartoffeln, einheimisches Fleisch und Gemüse, und extra especiale, was sich übersetzen läßt als eine gehäufte Handvoll etwa fünf Zentimeter großer dunkler Käfer. Immerhin konnte ich ihm abgucken, daß man die fast wie shrimps knackt, und nachdem Monique sich versichern ließ, daß sie überhaupt nicht vom Aussterben bedroht waren, sondern ganz im Gegenteil das hiesige Äquivalent von Mäusen oder Ratten waren, durfte sie auch mal den nussigen, gebratenen Geschmack des weichen Innenlebens probieren. Nina, die dem Prof gegenüber saß, amüsierte sich daran, daß wir das alles ganz besonders fanden und meinte, daß es »nach dem Regen sowieso ziemlich schwer ist, durch das Buschfeld zu ziehen, ohne auf genug zum sattwerden davon zu treten.« Sie lehnte dann auch dankend ab, als wir uns zur Gründung eines joint ventures zwecks Bestellung des selben warmen Knabbertellers wie am Nebentisch hinreißen ließen, mit der Begründung, sie sei sehr lange durchs Buschfeld gezogen und hätte nun Lust auf etwas Abwechslung. Isabella war schon vor uns angekommen und inzwischen nicht zu überhören an einem der Stehtische zur Theke hin, an dem sie mit Patrick und zwei weiteren nach dem Essen eine kleine Runde um eine schnell zunehmende Menge von leeren Biergläsern aufgemacht hatte. Monique, die bequem zurückgelehnt ganz in der Ecke rechts neben oder auch hinter Johannes saß, der sich gegenüber von mir plaziert hatte und vor sich hin verdaute, beugte sich weit vor um an seinem Schlabberpulli vorbeizupeilen in Richtung der angeregt diskutierenden Runde, »Na, die sind ja schon gut in Fahrt da...«

Nina prustete kurz, »Ja... Äh, hast Du das geraten? ... Sprich nur das Wort ..Ölwechsel oder sowas wo sie es hören kann, dann kannst Du Isabella mal gesprächig erleben.« Bei Patrick, unserem Meistertraktoristen, konnte es sich dabei nur um Minuten gehandelt haben bis die Kupplung kam. Inzwischen sprachen sie wahrscheinlich schon in dreidimensionalen Explosionszeichnungen von mehrzylindrigen Dieselraritäten. »Es gibt nichts, was sich immer noch weigert loszufahren, nachdem Isabella vorbeigeschlendert ist...« sie deutete die schwingenden Bewegungen ihrer Freundin an, »außer, sie hat nichts zum tanken ...organisiert. Es gibt so Leute, da ist ein wrench die natürliche Verlängerung von dem Arm.«

»Wo hat sie das gelernt?« fragte der Prof.

Nina grinste, »Ah,... wahrscheinlich stand das in der Muttermilch. Oder sie ist als kleines Kind mal in gran'pa's Zauberaltöl gefallen. ... Das reicht fürs ganze Leben.«

»Hat sie mal überlegt, das zu studieren... ich meine nach dem Krieg jetzt?« wollte Monique in steter Sorge um den Ingenieurinnennachwuchs wissen.

»Isabella? Studieren...? hm,... hah!« Nina lachte herzlich auf, verzog das Gesicht amüsiert und griff nach kurzem Überlegen doch nach einem Käfer, um dann mit kleinen Schauspieleinlagen das Thema zu vertiefen. »Hmmmm... wenn da so einer wie Peter sich umdreht um eine ..equation an die Tafel zu schreiben, da lacht sie laut wie sie das immer macht,« sie tat es, wie auf Stichwort, »...bittesehr... und sagt 'Yo!' und knallt ein engine block auf den Tisch, sowas hat sie immer in ihr Handtäschchen, wenn sie eins hätte. Und wenn der sich umdreht vor Schreck, dann liegt der schon ..fein säuberlich.. zerlegt da, und sie ist ein paar Stunden lang nicht zu sprechen, weil sie da an so ein kleinem... bearing oder sowas poliert, länger als ich an meinem ganzen Schwert. ... Und wenn sie damit fertig ist, dann .. zap! ... ist das alles wieder zusammen, plötzlich, und sie dreht mal kräftig vorne, so ein Schwung mit... ahm, a ratchet... ich bin nicht ganz sicher, was das auf English überhaupt heißt, ich brauch es nicht für das ...Brotmesser!...« Sie rempelte zuvorkommend, aber deutlich mit der Schulter Johannes aus seinem Tran, »dann weiß ich es nicht... und dann schnurrt das wie mom's little kittens. ... Dann sagt sie nochmal 'Yo.' Und wenn sie sehr gesprächig und zufrieden ist, sagt sie 'Yo, right!' und wischt sich mit einem Finger schwarzes Öl an die Nase. Fällt ja nicht so auf, ihr jedenfalls nie. Das war's dann. ... Ich find das toll, wie sie es macht. Sonst hätte ich auch auf viel mehr Käfer getreten, unterwegs, weißt Du. ... Schmecken doch ganz gut, wenn's nicht jeden Tag sein muß. ... Das ist so wie mit den Klamotten... wenn Du ein Jahr in einem Paar Jeans durch den Dreck bist, dann hast Du's gerne etwas... besser. Praktisch und immer das selbe, wo man sich gut dran gewöhnt ist ja gut... aber dann auch richtig schön gemacht und mit ... many skills... kunstfertig.« Sie zupfte an ihrer Anzugjacke »Deshalb ist alles hier so etwas besser gemacht und sicher nicht für... preiswert. Dann würden ja auch viele von den neuen Leuten ausflippen, weil die ja zu Hause immer .. für preiswert .. machen mußten. Also deshalb gibt es hier nicht so viel luxury, sondern die einfachen guten Sachen... mehr so VW Beetle... classic, o'course... gutes product design und wenig Technik für läuft ...und läuft ...und läuft ...und läuft. Wenn Isabella an einem vorbei kommt, dann tut er das auch nochmal. So etwa,... da haben so Leute, die was machen können, wie Isabella... oder wie ihr, ja,... die haben dann auch mehr davon, wenn sie gebraucht werden und mal richtig zeigen dürfen was sie können.«

»Ich erinner' mich noch an Deine eine Jeans und das eine T-shirt...« begann der Prof und hielt sich die Nase zu.

»Hmm..mmm..mm!« verneinte sie mit vollem Mund, schluckte und erklärte, »Nee, das waren schon neue, ...einmal gute Klamotten für die Reise im Flugzeug. Berlin direkt... Die hatte ich auf dem Weg zu euch in Kabul gekauft, als ich da umgestiegen bin wegen dem Embargo. ... Nach der Fahrt auf dem truck vom Schiff in Pasni über die Berge... Kabul war witzig... da hatte ich auch noch mein altes Schwert... nur schnell gefaltet, geschlagen und immer mit der Flex dran für schnell scharf... Nix poliert... Sah aus wie ein Verbrechen, das. Die haben da gesagt am Konsulat, als ich das hinterlegte ticket und Geld abgeholt habe, ich sehe aus wie das Staatsmuseum, aber gerührt, nicht geschüttelt... Wie wenn Alexander the Great's amazon und Ahmed Shah Massud's mujahedeen im Mongolensturm eine lange Nacht zusammen hatten. ... Die Jeans für ein Jahr, die hat da der letzte gesehen. War auch nicht mehr viel da, und Kabul, da wird's auch mal kalt wie in Deutschland.«

»Das Benehmen war jedenfalls noch die selbe Kreuzung... am Anfang wenigstens.« kicherte der Prof vor sich hin.

Sie nahm noch einen Käfer, »Jo... Ich bin fies... Ich weiß... hehe. Die bullies auf dem Schulhof, die hatten da schnell Respekt vor dem schwachen Geschlecht gelernt... bekommen... passiv von gelernt. ... Das hat so etwa zwei Minuten gedauert...«

Er übernahm, »...und dann durfte ich Dich beim Direktor gegen Empfangsbestätigung und Krankenversicherungsbeglaubigung auslösen und die Kabelbinder von der Polizei selber durchschneiden, weil sich das keiner getraut hat. Wie bei einer Brückeneröffnung der Bundeskanzler ... Cool. Hab' ich nie geschafft, das.«

»Pff! ... 'Du kämpfst wie ein Mädchen' wird da für immer ein respektvoller Kommentar sein... vor allem, weil die das auf so vielen bunten Formularen dokumentiert haben. Mehr Bücher haben die da beschrieben als ich blaue Flecken ver..schrieben habe... mein bißchen psychopharma für macho macho men...«

»Naja, wir konnten uns ja auf Kriegstrauma rausreden. ... Nur weiß ich bis heute nicht, ob die das auf Dich oder die ...armen Opfer bezogen haben.«

»Die armen Opfer... oooh, Mitleid... waren grapschende Schweinchen. Fett, faul und reich... hinterher auch weich... gutes Steak muß viel geklopft werden, hm... sieh's mal so.«

Der Betrieb im Restaurant ließ langsam nach, und nach einigen Minuten setzte sich die Managerin auf eine Cola zu uns, nachdem sie nicht mehr so viel mit Bedienen beschäftigt war. Das Geschäftsmotto der beiden war wohl 'Hier schaffen die chefs noch selbst', jedenfalls blickte ihre besser kochende Hälfte öfters aus der Durchreiche und reichte durch ... selbige die frisch fabrizierten Köstlichkeiten zu ihr oder den drei Kellnerinnen. Sie war eine stattliche Erscheinung in fast hautenger, samtschwarzer Kleidung mit schulterlangen, glatten hellblonden Haaren und intensiv grünen Augen, der man trotz ihres unkomplizierten Lachens schon zugetraut hätte, ungebührige Gäste höchstselbst aus ihrem Lokal zu geleiten, auch ohne das Brotmesser aus der Küche zu holen. Die Qualifikation zur Meisterschaft im Bierkrugstemmen hatte sie jedenfalls mehrfach locker an uns vorbeimanövriert. »Hi Patty, how's the army of darkness?« begrüßte Nina sie, als sie eine Runde Krüge am Tisch absetzte.

»Hi Neena... whoa, the kids are alright, y'know... eve of destruction plays twice a night in a theatre near you... ... Ich bin Patricia, kann ich mich zu euch setzen? ... Ich übe immer gerne Deutsch, weil nach zwanzig Jahren wird das Zeit, daß ich es mal lerne.« Sie sprach die Sätze sehr deutlich, so wie eine frischgebackene Absolventin des Fortgeschrittenenkurses am örtlichen Goetheinstitut, zog sich während des willkommenden Gelächters einen Stuhl heran und zündete sich ein Zigarillo an. Dann merkte man etwas mehr von den zwanzig Jahren, in der Fassung im schnellen Vorlauf. Sie rückte sich auf der, und die Sitzgelegenheit selbst zurecht und legte los. »Neena, gestern hast Du was verpaßt... Also... halt dich fest. Joshua war hier. Ja. Echt! Ist von unten aus seinem Büro hier im Turm eben mal hoch, war wohl was dazwischen gekommen da, schnell was Essen. ... Die haben hier ein Konferenzsaal und ein paar Büros hier, wenn ihr das nicht wißt, drei Treppen runter. Joshua wollte nicht, daß es über allen anderen ist. Da haben sie mit der Jugendherberge oben getauscht. Jugend oben, das fand er besser. Naja... Also, er ganz locker hier an die Theke, unauffällig wie der Techniker vom Fahrstuhldienst, nur im schnieken Dreiteiler ganz ohne Metallteile außer Opas goldene Uhr, wie immer halt, aus der kleinen Karte bestellt, hab' ihn garnicht sofort erkannt. Ich dreh' mich um, gebe das rein in die Küche zu Friedrich Wilhelm... er guckt vorbei, und sagt, er isses, bevor ich frage. Guckt auf die Bestellung, sieht, und: 'Oh, das hat er mal im Fernsehen selber gekocht.' ...Wißt ihr, da gibt es so show, wo die Gäste mit dem.. host.. kochen und was plaudern dabei, und ...der president, der hat den Kerl an die Wand gekocht. War noch vor'm Krieg, war er vice president, noch. Bushfeld Essen, klar, woher soll der im Fernsehen das wissen. Jetz' weiß er's wahrscheinlich auch, wenigstens wie's geschrieben wird. Mein Friedrich Wilhelm... Herzschlag... pfft! ...schwitzt pfft! ... Na, extra große Portion, er gibt sich richtige große Mühe, er gibt es raus, Joshua ißt gleich an der Theke. Direkt vor der Luke. Mein Friedrich Wilhelm steht hinter der Wand und...« sie immitiert sein Herzklopfen mit der flachen Hand vor der Brust und tratscht weiter, »Joshua... hmmm... great... tastes like hooooooume sweeeet home... wird immer enthusiastischer. Ist fertig, trinkt noch ein stilles Wasser gemütlich und will zahlen. Naja, gedrängelt hat er nicht gerade, aber ... sehe ich so aus, als ob ich Geld von ihm nehme, oder was? Ich mein' der hat hier Freibier lebenslänglich, und wenn ich es mit Flaschenpost holen muß ...von euch. ... Naja, und die anderen beiden, die da waren, die haben auch nicht gerade hingesehen, wenn er das Portemonnaie auf den Tisch gelegt hat. Aber... gibt's nicht. Er wollte zahlen. Nichts zu machen. Kann ich nicht glauben, daß er nicht gemerkt hat, daß die Leute das Geld von ihm sowieso immer spenden. Also er... wartet ganz locker bis... das nächste Essen aus der Luke kommt, ich sage Moment noch, weil ich nicht sein Geld will und nehme das Essen selbst, obwohl die Mädels schon Schlange stehen, er schnappt sich Friedrich Wilhelms Hand, sagt 'hello, good money for good work, good man... well done, thanks, see ya again, soon' ..so ungefähr, breites Grinsen, drückt ihm das Geld rein, viele kleine Scheinchen, kaum zu sehen, hat er garnicht geschnallt, bis er sie in der Hand hatte, mein Friedrich Wilhelm, und mit .. über .. fünf .. shillings tip. Wow. Na, er lebt ja sparsam... Also, Friedrich Wilhelm sprachlos, kratzt sich am Kopf, immer noch in der Luke. Ich steh' da mit dem ander'n Essen inner Hand. Sage 'bye... thanks...', sowas... auch ziemlich sprachlos. Ich! ... Friedrich Wilhelm denkt 'ne Sekunde oder drei, grinst, kommt aus der Tür, Geld in der Hand, geht an die Kasse, wechselt ein'n klein' Dreißiger in Münzen, nimmt sich ein'n penny, und den Rest in die Spendendose für Joshuas hobbies. Sagt, der gehört mir, den kleb' ich in der Küche über die Luke. ... Das war was, Neena!... So is mein Friedrich Wilhelm! Jaja...« Sie nimmt einen kräftigen Schluck Cola. »Hm.. Für euch, ein shilling ist eine Stunde Arbeit für das durchschnittliche Einkommen, so ham wir uns das damals ausgedacht, nach dem Krieg, ...und hundert pennies, weil weniger als so etwa 'ne Minute lohnt sich nicht zu rechnen. Sind 'ne ganze Menge Euros also... Das war wieder so'n Gefühl wie damals bei seinen Eltern selig, als er das alte Restaurant weitergegeben hat. ...Da haben wir fünf Jahre Essen in Essen gemacht... bis ich das mal richtig auseinander hatte!... und, naja da hat er's unerwartet geerbt... Wir hatten ja vorher schonmal ein bißchen dran gedacht, hierher zu gehen, so mal nebenbei drüber gesprochen, weil hier ist seine Küche ja exotisch. Aber das ging ja dann nich wegen dem Unfall eben. ... So'n Jahr später steht er mit Mahmut, dem anderen Koch, an der Theke, und dessen Verlobte Gina, die hat immer ausgeholfen, die war auch gerade da... vierter Monat... klar? Sagt er, Du kannst das gut... willstes haben? Einfach so. Meine Freundinnen daneben, Kaffee und Kuchen... Ich denke... Moment?! Nochmal zurückspulen. Mahmut hat erstmal gedacht, das ist'n Witz, ah, weißt Du wie viel Du mir konkret zahlst oder was? Blaapblaap... Er wieder, zahlst Du mir ein Jahr lang konkret die Hälfte vom Rest, und sobald wir da unten etabliert sind, dann nix mehr. Nur gehören tuts mir weiter, sonst ist dein Bier, mußt nur gut sein wegen dem Namen von meinem alten Herrn, der bleibt dran und das kannst Du schon. Kannst auch ganz groß 'Inhaber...' drunterschreiben. Na, der war baff. Läuft prima, wir waren letztes Jahr da. Gina... sechs Kinder, drei Hunde, zwei Katzen, ein Restaurant und Disco hinten angebaut. Die is fit... Mahmut immer turbo am rotieren, aber glücklich sind se beide, hauptsache. Aber das mit Joshua, das war... immer ohne Warnung bei ihm. Zack. So einfach...« Es rappelte an einem tönernen Bierkrug, der über der Luke hing, »...oh, muß weg! Bis später. ... Auf Wiedersehen und vielen Dank.« Der letzte Satz kam wieder im schüchternen Schülerinnenstil, der Rest war mehr rheinisches Kaffeekränzchen forte, und nicht nur Nina mußte sich ganz gut ranhalten, um alles mitzubekommen. Aus der Luke schaute Friedrich Wilhelm mit seiner Nickelbrille, winkte rüber, erkannte wohl Nina und machte ein Handzeichen wie wenn kleine Kinder Pistole spielen, mit gestrecktem Zeigefinger und senkrecht abgespreiztem Daumen. Nina gab es lachend zurück. Als sich Patricia der Theke näherte, bemerkte ich, daß sie sich wohl doch nicht das Brotmesser in der Küche leihen mußte, denn an den Seiten ihrer samtschwarzen, knackig hautengen Hosenbeine hingen in einem geschnürten, dreieckigen Ledereinsatz zwei kräftige, verchromte Dinger, die aussahen wie Bratenspieße. Schwerter zu Küchengeräten...

»Was war das?« fragte Johannes, bei dem Patricias letzte Sätze wohl noch durch die Verzögerung liefen.

»Patty Hülsdonk-Rayleigh im .. Deutsch-flash. Gibt es nicht immer, aber immer öfter nach zu viel coffee, Kuchen and tobacco... puh! ... Seit sie gemerkt hat, daß ich ein Jahr bei euch war.« seufzte Nina. »Die kenne ich seit dem Krieg, da haben die vor ihrem alten Restaurant am Morrison Square eine Suppenküche gemacht und alles gekocht, was Du gebracht hast, wenn Du Holz oder petrol dabei hattest auch für umsonst. Die haben Tag und Nacht Reisbällchen aus Haferflocken gerollt und trockenes Brot aus Mais verfeinert. Wenn Du mal tausend Rezepte für ...Steckrüben? wissen willst, dann frag' ihn, aber sag' rechtzeitig stop, sonst werden's zweitausend... Und wir haben ihnen immer mal den Nachschub wieder geholt, wenn die paras sich den geplündert hatten. Nächsten Morgen war der einfach wieder da... so ein Zufall. Und wenn die dann frech geworden sind, hat Patty sie einfach totgeschwiegen... glaube ich. ... Oder an den Küchenmeister mit seinem extragroßen Messerkoffer weiterverbunden, der wo Solingen drauf steht. Köche können das... Ohne Mampf kein Kampf, ... hehe.«

»Ich seh schon, ihr habt hier mittlerweile 'ne richtige Mafia...« warf der Prof ein.

»Ja... wir schmuggeln übrigens Brot, Wurst und Bier...« sie beugte sich etwas verschwörerisch und mit sehr langsamen, bedächtigen Bewegungen vor und flüsterte mit rauher Stimme, »Richtiges Brot... richtige Wurst... und richtiges Bier... capisce? Due Espressi per favore...« Dann hielt sie sich zwei Finger unter die Nase, wechselte die Stimmlage nach düster, und ergänzte hektisch »...undä Schnidsel unde sauercrowd!« Sie setzte sich wieder zurück, ganz locker und normal lächelnd, »... Eine geheime Sprache haben wir ja sowieso schon.« Dachte ich mir bereits, weil ich sie im Gegensatz zu meinem habilitierten Nachbarn wieder mal nicht verstand.

Johannes nahm den Faden mit der Handpistolero-Geste wieder auf, »Nee, das meinte ich.«

»Achso, ahead and above... vorneweg und oben drüber... das haben wir immer so gemacht. Hat irgendwie ein bißchen als Witz angefangen, als es uns nicht so gut ging... Dann denkt man sich was aus dazu... Und...« sie zeigte es nochmal, »...die Mehrheit von den Fingern zeigt immer auf die guten alten Dinge und die Freunde, die man innendrin trägt. ... Übrigens... das erinnert mich... Ich brauche zwei Freiwillige.« Sie guckte zielstrebig in die Runde, durch die ein kurzes Erstaunen ging.

»Die beiden.« sagte Peter trocken und deutete auf Johannes und mich. Na danke!

»Also, das ist so...« drehte sich Nina zu uns, »in der Jugendherberge hier oben... da schlaft ihr alle, weil da müßt ihr nur eine Treppe noch hoch gehen können... Prost!« grinste sie und nahm einen Schluck von der Lokalmarke »...da haben die drei Plätze zu wenig weil ein paar Zimmer werden renoviert. Patty und Friedrich Wilhelm sind noch nicht ganz fertig geworden, weil noch Handwerker fehlen. Peter kann bei mir pennen, da muß er halt 'ne halbe Stunde früher los. Die haben aber noch Reserve über der Etage, wo wir die Fahrstühle vorhin gewechselt haben. Dann kriegt ihr also die höchsten Betten. Patty sagt sorry, weil die Räume sind nicht so comfortable und auch nicht so ganz offiziell, und da ist kein lift und ihr müßt die Treppe runter für Waschen und so. Aber ist besser, als jetzt noch weit weg Zimmer suchen. Ich zeig euch nachher wo das ist.«

»Also, freiwillig melden, dann weiß man immer gleich wo es lang geht und was man macht.« kommentierte Peter süffisant.

Nina drehte sich zu uns, »Wahre Worte... gut zuhören. Macht ihr sicher immer.« Und lachte herzlich auf. Danach wandte sie sich wieder dem Prof zu. »Ich habe auch das Buch von deinem Großvater dabei. Vielen Dank nochmal... das hab' ich endlich verstanden. Ich hatte es Isabella gegeben für heute.« Sie zog ein altes, zerfleddertes Buch unter dem Tisch hervor und reichte es rüber. G. Breuer - Triumph der Phantasten... konnte ich auf der Vorderseite lesen, über einem blassen Bild mit viel orangefarbenem Rauch, roten Industriegerüsten und irgendwas schwarz-weiß gemusterten drauf, bevor es der Prof umdrehte und aufschlug. Auf der Rückseite des Umschlags war ein lustiger Mann mit einem Jungen, einer Zitrone und einem altmodischen Fußball auf einem besser erhaltenen Schwarzweißbild zu sehen. Beide trugen komische Brillen.

»Die letzte Seite... nicht die vom Anhang, vom Text, vor den Bildern... die könnte von hier sein. Hört sich fast an wie ein echter Mewenge.« Man merkte, daß sie über Dinge sprach, die sie sehr schätzte. Ihre grauen Augen bekamen einen verträumten Hauch, während sie klar und präzise auf den für sie überkopf liegenden Text neben einem klecksigen Photo fokussiert waren.

Der Prof schmunzelte. »Stimmt... Ist aber schon fast hundert Jahre alt, das gute Stück. ... Meinst Du, er macht's nochmal, Mewenge? ... Jetzt bei den Wahlen...«

»Nee, das hat er schon oft gesagt, daß nicht. ... Er hat sogar die Verfassung ändern lassen, daß es nach der Wahl dann nur zweimal geht. Da wird er es nicht tun,... denke ich. Außerdem... er sagt immer, zwei mal und jetzt mit fünfzig, das reicht, da wird es Zeit nach Hause zu wandern und den Enkeln die alten und die neuen Geschichten erzählen. ... Da hat er sicher viel zu tun. Und viel Publikum. Und er sagt, er hat keine Lust mehr im Supermarkt zu jagen. Da läuft nix weg, das ist langweilig. ... Ich hab' ihn mal gesehen, da. Vor ein paar Jahren, die Stadt ist klein...«

»Enkel... Ich hab' hier noch eins von Opa. Das hatte er doppelt. Ich habe es gelesen eine Weile nachdem ich das letzte mal hier war, und mußte so an Dich und deine ganzen Freunde denken. ... Das ist für Dich. Ein kleines Dankeschön für die Führung. Ich glaube, er hätte seinen Spaß dran gehabt.«

»Ooooh... Danke Peter... das ist lieb...« Mit Büchern aus Papier hatte sie wohl was. Jedenfalls sah sie sehr, sehr glücklich aus.

»Schlag mal auf... da. Das hat er selbst mal mit Bleistift angestrichen.« Er zeigte auf die beiden vergilbten, fledderigen Lesezeichen aus einfachen Schreibpapierstreifen in dem kleinen, dünnen, gelben Bändchen. Sie war fast schneller dabei als er es ausgesprochen hatte, überflog die Seiten und begann zu lesen.

»Wann immer sie nicht kämpfen, verbringen sie ihre Zeit mit der Jagd. Sie befriedigen ihren Hunger ohne ausgefeilte Vorbereitungen und ohne Delicatessen. ... Sie achten und hören auf ihre Frauen. Es sind ihre Genossinnen, bereit Gleiches in Mühen und Gefahren, Gleiches im Frieden und Kampf zu ertragen und zu wagen.« Ihr Blick ruhte einem Moment fasziniert auf den Seiten. »Das ist schön... von wann ist das?« Sie war richtig ein bißchen gerührt, als sie das innere Titelblatt suchte.

»Der Druck ist sechzig oder siebzig Jahre alt... die Übersetzung weiß ich nicht, wohl auch so ungefähr. Das Original... für fast jeden Meter über der Lobby ein Jahr, so etwa... nicht ganz.« Sagte er etwas nachdenklich.

»Da war aber noch keiner aus Europa hier gewesen... oder? ...Nee.« Sie drehte die Vorderseite zu sich, »Tacitus... De origine et situ Germanorum... (Germania) ...über euch?! Oh mann, das muß wirklich länger her sein...« seufzte sie.

Der Prof deutete zur Theke, an der Patricia lässig mit beiden Ellenbogen aufgestützt lehnte und sich mit den anderen Bedienungen und einigen Stammgästen unterhielt. Friedrich Wilhelm beugte sich von hinten über den Tresen und hatte die Arme um seine Liebste gelegt. »Ich denke, die meisten von der Sorte waren auch gut zu Fuß.«

»Und die Fußlahmen sind alle dageblieben? Jaja...so kann's kommen... oder gehen. Die einen nennen es Völkerwanderung, die anderen la grande invasion. Ich denke da gerade an ein paar Spezialisten, aus dem Jahr damals. Wer weiß, wo die noch alle lahm waren... Viele bremsen und viele laufen... ... weg, huh? Schadeschadeschade. Na, hauptsache das Bier wird nicht schlecht. Prost. ... Danke, Peter. Das wird Spaß machen zu lesen.« Sie stießen an, nachdem sie das Büchlein voller Zuversicht ein paar mal in den Händen gedreht hatte.

»Was macht dein Studium? Kommst Du gut zurecht an der Uni?« wechselte der Prof das Thema, nachdem er das sichtlich wohlschmeckende Bier wieder abgesetzt hatte.

»Hmm.. klar tu ich das... Spaß macht's. Gestern hab' ich mich für ein Seminar angemeldet, 20th century cinema... Soll sehr gut sein. ... Also, anmelden wollte ich mich letztes mal schon, aber da war es voll, weil er nimmt nur vierzehn oder sechzehn Leute. Jeder muß einen Vortrag machen mit Publikum dabei, und er hat sechzehn Termine im Regensemester und vierzehn im Trockensemester... Ich war dann letztes mal doch ein paar mal ins Publikum gegangen, wenn ich Zeit hatte, und er hat mich wiedererkannt und gleich gesagt, ich kann mich schon für das nächste anmelden. Hat gleich eine Liste gemacht, und das wars. ... Er gibt immer die selben Themen, aber es ist interessant, weil jeder was anderes findet zu dem Thema. Weil ich gleich da war, konnte ich mir aus allen eins aussuchen.«

Johannes stutzte, »Das geht einfach so? Gibt's da keine Anmeldefristen oder sowas?«

»Wozu denn das? Ist doch sein Seminar. ... Das wird er schon wissen, wie's ihm am besten paßt.« wunderte sich Nina.

»Ist das nicht unfair, wenn ich da einfach so hingehe... mitten in der Veranstaltung und dann bin ich drin für's nächste mal... so ganz ohne Warteliste?« Johannes kämpfte mit dem Konzept 'einfach so'.

»Wieso? Kann doch jeder ausprobieren... klappt oder nicht...« Nina dachte amüsiert nach, einen Moment lang, »Vielleicht haben ihm ja meine Fragen gefallen, in der Kritik nach den Vorträgen. ... Wer nicht fragt, der hat schon... oder bleibt dumm.«

»Aber dann kriegt ja der letzte das Thema, das keiner will... oder das am schwersten is...«

»Muß ja keiner hingehen... oder vielleicht nimmt es wer, der es gut findet.« Nina nahm noch einen kleinen Schluck, »Peter, wollen die das so schwer haben? Das wär' mir zu langweilig zu warten, bis ich sagen darf, ich will das machen. ... Interessiert doch sonst niemand, ... außer Lehrer und Schüler... Student. Mir gefällt es, wenn ich es nehme und wenn ihm gefällt, was ich aus seinen Sachen mache... gut, wenn nicht, dann geh' ich eben zu jemand anders.«

»Aber muß das denn nicht angemeldet werden, für den Studienplan, Zulassungsvorausetzungen, das die überprüft sind, und das Prüfungsamt und die...« hakte Monique ungläubig nach, nachdem sie sich aus ihrer legeren Eckenlage hochgerappelt hatte.

»Häh?! ... ich hab' meine graduation, ich hab' mich zum ersten Tag registriert, ich habe jedes Semester meinen Zehner bezahlt und jedesmal meinen student ID dafür bekommen, und gut is. ... Wenn ein professor meint, es ist besser wenn... ich brauche noch was bevor ich an seiner show Spaß haben kann, dann sagt er mir das gleich am Anfang, oder ich frage nach, wenn ich hello sage. Muß ich vorher was machen, empfehlen Sie was vorher, oder eben... So etwa, kennen Sie das schon? ...gehen Sie doch vorher noch in die lectures von dem, oder nebenbei,... dann kennen Sie die basics besser... Und wenn ich hinterher meine, ich bin gut genug, dann frage ich mal, wenn es gut paßt mit einem test, und dann mache ich den, und er gibt mir ein Zeugnis. ... Meistens geht das gleich, wenn man fragt und sie gerade Zeit haben, manchmal sammeln sie auch zwei, drei, vier students und machen es dann zusammen. Da sitzt man dann mit noch ein oder zwei Leuten, die bei dem professor arbeiten und unterhält sich ein bißchen, und er fragt eben mal geschickt und genau und so, ...und wenn sie meinen, das geht oder ist gut, oder sind begeistert, oder nicht... dann schicken sie einen raus und sprechen danach kurz drüber, schreiben es drauf... die Zeugnisse, das ist so ein Formular, das geht überall gleich für das ganze Land... und geben es einem, oder auch nicht. Dann sagt er eben warum, und man sagt, was man so dazu denkt und kommt irgendwann nochmal, oder macht was anderes. Und die Zeugnisse sammelt man einfach bei sich, und der professor hält eine copy als Beweis ... Muß man da noch was machen, Peter... ich meine, ich bin ja erst kurz da.« Nina kämpfte mit dem Konzept 'Amt'.

»Jedem das Seine, und mir das meiste... noch eine Runde?« Er umging die wohl mehr rhetorische Frage und zeigte kurz in die Runde, Friedrich Wilhelm fing schonmal an zu zapfen und rundete es dann zur letztendlich signalisierten Menge passend auf.

»Aber zur Diplom... oder Abschlußarbeit... da muß es doch Regeln geben, oder ein Minimum an Prüfungen geben, die man haben muß, oder?« Monique ging in den Nachbohr-Modus.

»Hm, ja... wenn man denkt, man kann sowas mal anfangen, dann geht man einfach zu jemandem, der ein interessantes Thema haben könnte, oder man überlegt sich eins und geht zu jemand, der es auch interessant finden könnte... und bringt die Zeugnisse mit, und dann wird man sich einig.«

»Wie,... wie wird man sich einig?«

»Na, entweder, gut das erwarte ich dafür, das das Thema gut bearbeitet wird, fang an... oder machen Sie in diese Richtung noch was, aber fangen Sie schonmal an mit research und so... oder, machen Sie nochmal ein bißchen mehr, und dann sehen wir uns nochmal. ... Und wenn einer von beiden merkt, daß gibt ein Problem, es wird zu viel oder zu wenig, oder die Zeit paßt nicht, dann redet man nochmal drüber. Tut man ja sowieso... öfters. ... Tips, tricks, Ideen, brainstorming... feedback... Oder man macht einfach mal so eine Arbeit zum Probieren draus und fragt, ob es dafür auch ein Zeugnis gibt.«

»Aber... wie wird das denn gemacht, daß es gerecht ist, die Arbeiten nicht zu schwer sind, oder daß es viel zu leicht ist für den Abschluß?«

»Ganz einfach, die Lehrer unterschreiben das nicht, wenn es ihnen nicht gefällt, und ich mache es nicht, wenn es mir nicht gefällt. Oder wenn das einer ist, wo jeder weiß, das es da ...preiswert geht. Ich will ja auch keinen schlechten Namen unter meiner guten Arbeit stehen haben. Es gibt doch so viele professors und students hier, da redet jeder mit seinen Freunden, und da paßt auch jeder ein bißchen auf, wie das die anderen machen.«

»Und das geht einfach so... ohne das einer kontrolliert, ob da nicht gemogelt wird? Ich meine, da ... da ist doch der Manipulation Tür und Tor geöffnet!« Monique konnte es ebensowenig fassen wie die meisten anderen, eigentlich alle außer dem Peter aus der letzten Reihe.

»Das merkt dann dein boss schon, wenn Du dir einen zu großen job bei ihm besorgt hast. Und dann findet er ja raus, was Du gemacht hast. Steht ja auf dem letzten Zeugnis zum Schluß, da stehen alle Zeugnisse drauf, also nur die, die Du für die Arbeit am Schluß mitgebracht hast, natürlich.«

»Das kann man sich aussuchen, so ... die schlechten weg lassen?!«

»Ja... sicher, wenn Du willst. ... Wieso nicht, da mußt Du vielleicht ein anderes noch gut machen, wenn es dem, der die Abschlußarbeit gibt nicht reicht was Du dann übrig hast. ... Kannst ja auch zugeben, daß was nicht so gut war. Sieht ehrlicher aus, und dümmer wird man ja nicht davon daß man mal failed hat.«

»Wie merken denn das die Personalchefs bei einer Firma, wenn man da anfängt, das einer wirklich gut oder schlecht ist?« Monique blieb am Ball, auch wenn der Haken zu schlagen schien.

»Na hör mal,« Nina verlor auf sehr höfliche und amüsierte Weise die Geduld, »vor fast hundert Jahren haben wir Menschen sicher, satt und trocken zum Mond und zurück geschickt, vor fast zehn Jahren haben wir hier dreieinhalb mal so viele Menschen sicher, satt und trocken untergebracht, wie im Jahr davor hier gewohnt haben, da werden wir es schon schaffen zu merken, ob einer seinen job satt, sicher und trocken macht. ... Wird schon klappen, es geht immer weiter.«

Der Prof kramte sein Ausweismäppchen hervor und zog aus der hintersten Falte einen vierfach gefalteten, sehr verschlissenen Zettel hervor. Er faltete ihn bedächtig auf, während Nina ihre Erläuterungen für Monique satt und sicher ins trockene brachte. Er betrachtete ihn nachdenklich und fing unvermittelt an vorzulesen, bevor Monique nochmal ansetzen konnte. »Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann sich heute eine Vorstellung machen von dem Glück und Reichtum des akademischen Lernens in dem Deutschland vor dem ersten Welkrieg. Die geistigen Tische waren übervoll gedeckt, und man durfte zugreifen wo, wie und wieviel man wollte, und tat es aus Herzenslust. Es gab anspruchslose, auch fade Kost neben schmackhafter, gewürzter, gesüßter. Aber durchweg war sie gediegen und bekömmlich. Man erfragte oder erfuhr durch eigene Prüfung, wo es die beste, dem eigenen Geschmack oder den eigenen Anforderungen zusagendste gab, und man ging dorthin und ließ sie sich vorlegen. Der Student war freier Herr, weil er die Wahl hatte und ihr nachgehen konnte. Der Professor war es, weil er vortragen konnte und einüben durfte, was er am meisten liebte und am besten konnte, nein, das was er sich selbst aus den reichen Quellen, die seinem Fache flossen, erarbeitet hatte und was ihm nun wichtig und heilig erschien. Er durfte getrost einseitig sein, denn er wußte: Der Abnehmer würde sich schon das Seinige aussuchen und würde es ergänzen. Der Student durfte seine Begeisterung trampeln, aber ebenso energisch seine Ablehnung scharren. Er durfte jede Vorlesung hören, er durfte aber auch ebenso gut und frei draußen bleiben, durfte irgend etwas sonst für wichtiger halten und sich das Seinige denken. Die Kritik hatte alle Fenster offen stehen und sorgte für frische Luft; stickige Winkel gab es nicht. Und dies umfassende geistige Getriebe arbeitete billig. Man brauchte keinen Luxus, denn der Genuß und die Schönheit lagen in der Arbeit selbst. ... Eines Tages war man so weit, daß man es wagen konnte, den erfahrenen Lehrer um ein eigenes Thema zu bitten. Nun begann die Naturforschung. ... Ich dachte, ich halt' mal 'ne Vorlesung. Ist ja das einzige, was ich gut kann. ... Das ist von Hans« Johannes und ich sahen uns unwillkürlich an, »im Gespräch mit der Erde ...« er guckte ein kleines bißchen scheel zu uns rüber, »vielleicht ein bißchen Moser, aber auf jeden Fall viel im Glück gewesen. ...hieß aber Cloos mit Nachnamen. Den Zettel hat hat mir mein Opa gegeben, als ich mich eingeschrieben habe, damit ich weiß wie es an der Uni so ist ...oder auch nicht... und gesagt, paß auf daß Du dir mein Bücherregal schnappst, falls ich fertig bin bevor Du es bist. ... Kam dann auch leider so. Ohne den Alten wäre ich wohl nicht hier.« Er faltete den Zettel mit der kopierten Doppelseite aus irgendeinem Buch sorgfältig wieder zusammen und steckte ihn weg. »Den lese ich jedes mal, wenn ich zur Verwaltung oder zum AStA muß. ... Was für ein Thema hast Du dir eigentlich geschnappt, Nina?«

»Oh, was ganz cooles... und schräges. Der Katastrophen-movie... -film nach neunzehn-sechzig. ... Das hat einer erzählt als ich da war, und das hat mir nicht gefallen. War langweilig. Mach' ich besser. Der professor hat gesagt, immer Airport... Airport... Airport... Concorde. Ich suche mal andere Filme. Tsunami... earthquake... Erdbeben... flash floods... sowas. Und meteor... groovy. Am besten, wenn man was findet, was er noch nicht kennt. Also, ... für Airport hätte ich dich gefragt. Kennt er aber. Meteors, da weiß ich garnix von, da bin ich mal bei den geologists hin... Steine und so, und habe da andere students gefragt. Die sagten, klar, geh zu professor McKenzie... Ich gehe da hin, und das war gut von der ersten second... Sie ist so halb Indiana Jones und halb confused Einstein... nur on the rocks. ... Ha ha, was? ... Ich sage, ich will das und das machen, aber ich habe keine Ahnung. Sie, oh, das ist prima... und fängt so ein bißchen an zu erzählen. Die sammelt meteor..ites, so heißen sie, wenn sie runtergefallen sind. Sie zeigt mir so ein paar, damit ich das mal sehe, und sagt es gibt aber auch große, die bleiben nicht liegen, die machen craters. So wie auf dem Mond. Ich denke, haha... Tranquility base here, the Eagle has landed. Prima, Mond hat er bestimmt noch nicht gehabt. Also geological disaster movies... Da zieht sie eine Karte raus, um zu zeigen, daß es hier ganz viele craters gibt, weil die Erde hier ganz, ganz alt ist. Das gibt es selten, weil die ersten Kontinente, die waren sehr klein, und es wird immer viel mehr weggewaschen von Wind und Flüssen erosion, je älter das ist. Und da sehe ich, oh, in Deutschland gibt es sowas auch, und sage so nebenbei, oh, da war ich mal, in der Nähe. Sie flippt total aus, fragt wieso weshalb warum, kannst Du Deutsch. Klar... Oh, ich habe da ganz viele Bücher über diese craters in Deutschland... Nord...Nördlingen und Steinheim... das hört sich schon geologically an... kannst Du mir helfen, die zu übersetzen. Ich denke... We copy you're down, Eagle... Bingo. Also, in kurz, ich höre mir auch ihre Vorlesung über die ganz alten Steine, planets, comets, meteorites an und sie macht auch collection trips ins Buschfeld im Süden, da wo craters und meteorites rumliegen. Wie sie zur Tür rein kam, wußte ich, ah... Buschfeld, been there, done that. Hab' ich so gesagt, und sie fragt, Lust mitzukommen, für kleine schwarze Steine jagen? Klar, hört sich interessant an. ... Geh' ich mal wieder in jeans... zwei Wochen gleich nach der Regenzeit.«

Wir hatten unser uni-verselles Thema für den Abend, während in der stehenden Runde die Hubkolbenmaschinen immer detaillierter zu rotieren begannen.


»So, jetzt seid ihr ganz oben.« Nina lieferte uns in dem Verschlag an der Außenwand ab. Es war etwas kühl, aber die Doppelbetten sahen gut gefüttert aus. Das eine Bier oder fünf würde auch ein bißchen helfen. »Ich klopfe morgen zum Frühstück... Genießt mal die Betten, denn wenn JYY Enterprises... da könnt ihr in der Woche mal reinschauen, wenn die ihre launchers in der Wüste im Norden bauen, dann gibt's doch ein höheres Bauwerk hier, und vielleicht stellt da auch wer ein Bett rein. Das wäre 'n job für euch. Die sind lustig, 'low pay, high risk, far out 'n' away, hard work - real spaceflight' haben die in eine riesige Stellenanzeige in der Zeitung hier geschrieben. Die wollen riesige satellites mit so einer schrägen maglev-Bahn hochschießen, fast ohne rockets. Zwanzig Kilometer hoch wäre die. Das sind die ersten, die die Technik hier vom monument benutzen wollen. Hab' ich neulich gesehen, in Sci&Tech TV. ... Ich habe mir einen Tag freigenommen, und ich wollte mir morgen mal die airshow ansehen, aerobatics besonders, am liebsten die ganze Zeit. Da könnt ihr mir ja mal was erzählen.« Sie gab mir den Schlüssel. »Bis morgen dann... Gute Nacht.« Sie ging und winkte uns von der Tür am Fuß der stählernen Treppe nochmal zu. Johannes war schon in das untere Bett eines der Doppelbetten zwischen den vielen Spindschränken geplumpst und konnte es nicht sehen.

Er wunderte sich, daß ich über ihm einstieg. »Warum das? Nicht hoch genug?« Ich zeigte ihm wortlos 'ahead and above' »Oh mann, ... Witzbold.« drehte er sich um. Ich schwebte durch die Erlebnisse des Tages. Noch nichtmal einen war ich hier, noch neun vor mir, und ich konnte an nichts anderes mehr denken, als wie ich so schnell wie möglich wieder hierher käme. Englisch... richtig Englisch müßte ich wohl lernen. Wenn ich nur die ganze Zeit für Griechisch und Latein dafür gehabt hätte... oder ein bißchen davon wenigstens. Und die Vertiefungsrichtung... Wenn die Wahl kommt, dann will ich einmal in meinem Leben etwas Verrücktes tun und Raumfahrt wählen. Auslandspraktikum... ein Haufen Papierkram... vielleicht der letzte seiner Art für mich... Was Nina uns gezeigt hatte, hatte mich im Sturm genommen. Nach einer Weile kam es von unten, »Du siehst irgendwie sehr zufrieden aus. Woran denkst Du gerade?«

Ich sah über das Kopfende gelehnt aus dem Bullauge vor meiner Nase auf die Großstadtlichter in der Tiefe. »An Englisch in der Schule. ... O brave new world, That has such people in't.«

»Ah, wußt' ich doch das Du Huxley liest, Du bist ja ein vernünftiger Mensch... uaahh... hier sind die ja alle was palle... uhmm... Sci&Fi TV... zu viel...« gähnte Johannes.

»Shakespeare... 'Tis new to thee.«





Sometimes I forget

How mighty this earth

Astounding winter skies

Truth is in birth

Peace that it brings to me, my

naked eyes

Be a good day

Make me believe again

Making me free again

Making me see again

...

Learning to listen learning to

see

Learning is power making me

free

Free to believe again in my

human side

Giving me good reason

...

We make our own heaven

Clear through the sky

The making of reason for you

and I

I sing of each season

Making us feel

This will be a good day


It Will Be A Good Day (The River) - Yes, The Ladder, 1999





Disclaimer:

Ninas Klassiker-Videothek und

Opas Bücherregal wurden während

der Produktion dieser

zunehmend unzutreffend bezeichneten

Kurzgeschichte

gnadenlos geplündert.





Special Guest Credits: Wie immer wenn sich mein Hirn in seinem five-to-nine job ein leckeres Süppchen kocht, kann ich mich nicht an alle Ingredentien des Rezepts erinnern. Coca-Cola behauptet das schließlich auch immer. Aber diesmal hat es, glaube ich, einfach das genommen, was gerade da war. Zum Beispiel das tief empfundene Mitleid mit einer Hauptdarstellerin, die sich des Sonntagnachts (oder des Montagsfrühs) nach Xena und dem Umschalten des Senders noch vor Farscape durch ein dermaßen grottenschlechtes Secret Agent Man-Skript schaukeln mußte, das größtenteils in einem 'Suborbital' spielte, wohl ein schnelles Verkehrsflugzeug der Zukunft. Es wurde von nicht weniger als vier verschiedenen heutigen Flugzeugtypen dargestellt, in Bemalungen von sechs oder mehr verschiedenen, heutigen Airlines. Die Produzenten hätten sich besser mal Starship Troopers angesehen, und Frau Meyer hätte sich besser mal vor der Regiebesprechung ein Brotmesser besorgen sollen... naja. Gewisse nine-to-five Erfahrungen und der endlich glücklich im Orbit gelandete Envisat haben sicherlich auch mal ein Löffelchen beigetragen, ebenso wie die Renaissance von dokumentarischen Abhandlungen in den Kulturkanälen über die Völkerwanderungszeit, die wohl die kommende Völkerwanderung zum bald öffnenden Museum an der Kalkrieser Senke ankündigt, dem Ort der Varus-Schlacht. Mission to Earth: Landsat Views the World (...wie, ihr kennt keine Klassiker?! ;-) , dem Satellitenbildatlas Deutschland und dem Umdruck Maschinenelemente I,II danke ich für die visual effects von Round Earth, dem Fach Flugmechanik für die vielen Koeffizienten und Ableitungen, der Strömungslehre für ihre diffizilen analytischen Probleme und dem Strukturentwurf für den Minister. Die Himmelsrichtungen arbeitete Chris Patten aus und Dr. Fozards Harrierzüchter kümmerten sich um die Schafe. Den pioneergeist schiebe ich einer Amazonenbotin und den olympischen Geschwistern Aphrodite und Ares in die geflügelten Schuhe. Unerreicht bleibt der Soundtrack von Yes mit den vielen Türmchen auf und in dem booklet, deren Album 'The Ladder' dank der repeat-Taste diese Woche im Wesentlichen im Laser-Dauerfeuer des CD-Spielers lag. Deckung! ... And everybody wants some. Josella Playton hat mir freundlicherweise kurz die Grazie einer Pantherin und die Überzeugung einer Diesellok ausgeliehen. Elegante Lederteile sind eine Leihgabe der Oscar-Verdächtigen Schneiderei Dickson, die hinreichend genau gegenüber liegt. Ein nicht genannter Metallurge möchte darauf hinweisen, daß man Schwerter nur dann mit der Flex schärfen sollte, wenn man tierisch sauer ist und sie deshalb schnell braucht. Das Paradise Steakhouse in bester Lage bedankt sich bei Jethro Tull für seinen Namen, auch wenn ich nicht auf ein Silbertäßchen Kaffee eingeladen wurde. Die im Text genannten Autoren sind an ihren Werken selber schuld, und deshalb mag ich sie ganz besonders. Ähnlich muß das auch mit Joshua Mewenge und Morris Kessler sein, weil die James Brown und Henry Fonda irgendwie verdammt ähnlich sehen. Nina läßt ausrichten, das Ähnlichkeiten mit real oder auch nicht existierenden Persönlichkeiten natürlich .. alle .. ganz .. zufällig sind, ebenso wie die Meinung, daß Katastrophenfilme öfters Filmkatastrophen sind. JYY Enterprises beseitigen diese Katastrophen gerne bevor sie ihren Planeten löchern, Angebote für real spaceflight werden auf Anfrage unbürokratisch unters wandernde Volk gebracht.


all stories, elements, designs, and other products of creativity not previously copyrighted or otherwise documented (c) J.A. 2002

v.1.0.0.3